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Saufnix
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Dieses Thema hat 96 Antworten
und wurde 4.618 mal aufgerufen
 Akute Hilfe
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Julia Offline



Beiträge: 82

07.01.2018 23:06
Abstinent leben antworten

Liebe Forumsmitglieder

Nachdem ich eine Weile hier still mitgelesen und auch mal auf einen Eintrag geantwortet habe, wurde ich eingeladen, selbst meine Geschichte zu erzählen. Danke dafür. Ich fang mal mit einem kleinen Auszug an:

Heute bin ich seit knapp 7 Monaten trocken. Die erste Jahreshälfte 2017 war eine sehr schlimme Zeit. Nachdem ich den Januar abstinent verbracht hatte, habe ich dann eigentlich jeden Tag getrunken. Stellenweise sogar eine Flasche Wodka oder 2 Flaschen Wein. Wenn mein Partner nicht da war, hab ich auch schon mal zwei Tage durchgetrunken, oder auch drei. Morgens in der Küche war ich dann überrascht, was ich mir zu später Stunde noch gekocht hatte oder was mal wieder alles zu Bruch ging. Blaue Flecken und Hüfte und Schenkeln konnte ich mir nicht erklären und das Flaschen wegbringen wurde eine echte Last. Trotzdem konnte ich nicht aufhören.


In dieser Zeit hatte ich auch massive körperliche Beschwerden mit Verdacht auf Krebs. Mein immer schlimmeres Äußeres habe ich dann einfach damit nach aussen verkauft. Heute muss ich darüber den Kopf schütteln. Nebenher habe ich einen verantwortungsvollen Job gestemmt. Vor Leute zu stehen und aufzutreten hat mich die letzte Kraft gekostet. Dumm nur, dass vor Leute stehen und Auftreten einen grossen Teil meiner Arbeit ausmacht. Ich schämte ich mich in Grund und Boden dafür und konnte mich auf keinem Bild ertragen. Irgendwie habe ich das so gut es geht zu verdrängen versucht, ging aber nicht. Nachdem ich eines morgens Mitte Juni nach 15 Tavor erstaunt aufgewacht bin, weil ich nicht wusste, dass die einen zwar beruhigen in grosser Menge deshalb aber noch lang nicht umbringen, habe ich die Reisleine gezogen und keinen Tropfen mehr getrunken. In meinem Inneren wusste ich, dass ich es keine zwei, drei Monate mehr schaffe, wenn ich so weitermachen würde und das dies meine letzte Chance war, in diesem Leben wieder glücklich zu werden. Seit diesem Zeitpunkt habe ich den Alkohol stehen lassen, konsequent, ohne Ausnahme. Drei Tage später hatte ich eine 4-Stunden-Op, die Schmerzbekämpfung erfolgte mit Morphin. Ich war dankbar dafür, war ich doch so abgelenkt von meinem wüsten Problem. Mir war klar, dass es ein harter Weg werden würde, doch ich war unabbringbar entschlossen ihn zu gehen. Nun schaue ich auf 7 Monate zurück und bin einfach nur froh. Es war nicht immer leicht. Oft hat es mich traurig gemacht, dass es mir nicht besser ging. Die Stimmungsschwankungen empfand ich als grosse Ungerechtigkeit. Hatte ich doch zuvor immer gedacht, diese nur zu haben, weil ich zu viel trinke. Im Nachhinein bin ich sehr stolz auf mich das letzte Jahr ohne Dämpfer, Weichzeichner, etc. überstanden zu haben. Es war beruflich ein verdammt hartes halbes Jahr. Doch, ich habe performt. Mein Motto: Aufgeben ist keine Option. Das bezog sich auf alles: das Abstinentsein, das Durchziehen der Arbeit, das Aushalten der Situation etc.

Für eines, nein für zwei Dinge war ich unendlich dankbar: kein Herzrasen mehr in der Nacht, keine Schweißausbrüche mehr übertrags (ich war eigentlich ständig klatschnass geschwitzt, auch soooooo unendlich peinlich, wenn ich heute drüber nachdenken, nein, es war mir schon damals einfach nur unendlich peinlich) und absolutes Durchhaltevermögen im Job.


Nachdem meine Arbeitsbelastung weiterhin viel zu hoch ist, versuche ich nun daran etwas zu ändern. Die Ernährung habe ich schon umgestellt (trotz Alkoholverzicht leider nichts abgenommen, eigentlich ein Skandal).
Mein Text kommt heute etwas trocken daher. Der Anfang ist halt schwer. Ich wollte ihn einfach machen mit diesem Eintrag, nachdem mehrere Versuche bisher gescheitert sind, lass ich es einfach mal so stehen, flockiger gehts irgendwie nicht im Moment :-)

Schön, dass ich da sein darf.

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ist es noch nicht das Ende. (Oscar Wilde)


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Susanne Offline



Beiträge: 81

08.01.2018 09:16
#2 RE: Abstinent leben antworten

Hallo Julia,

das freut mich sehr, dass Du nun hier geschrieben hast.

Herzlich willkommen!

Glückwunsch zu den sieben Monaten - da kannst Du sehr stolz darauf sein. Flockig muss hier auch nix sein - gerade so wie einem zu Mute ist.

Jo, da hatte ich beim Lesen das eine oder andere déjà vu. Nur die Sache mit den Tavor, die ist schon eine andere Dimension, finde ich.

Jetzt muss ich auch ein bisschen "performen",
deshalb schnell viele Grüße und auf in einen weiteren alk-freien Tag, Susanne


ame Offline




Beiträge: 59

08.01.2018 18:35
#3 RE: Abstinent leben antworten

sálü Julia

Herzlich willkommen und vielen Dank für deinen Bericht, hinter dem sicher noch viel mehr steckt,
als es hier in der Zusammenfassung fast rüberkommt wie 'mal locker nebenbei geschafft'.
Meinen Respekt - und herzlichen Glückwunsch zu den ersten alkoholfrei gelebten sieben Monaten.

Hast du "das alles" alleine gedingelt - oder hast du dir professionelle Hilfe geholt?

Deine Geschichte erinnert mich insofern ein wenig an meine eigene, als ich noch trinkend zu denen gehörte,
die immer alles alleine schaffen wollte und deren Fassade bis zum letzten Tropfen ziemlich perfekt war.

Ich möchte damit vorsichtig andeuten, dass es mir ziemlich viel vorkommt, was du denkst, gleichzeitig schaffen zu müssen:
Nicht nur das Leben auf alkoholfrei umstellen, sondern auch gleich noch eine OP auskurieren (mit Morphin-Entzug womöglich?!)
dazu im Job perfekt performen und nebenbei auch noch abnehmen ...
(ich hoffe, dass ich da jetzt nicht zu viel in deine Zeilen 'hineininterpretiere', völlig falsch liege und dir zu nahe trete)

Um die Abstinenz bestmöglich zu stabilisieren und zu verinnerlichen, war es in meiner Anfangszeit eine der größten Herausforderungen,
eine Balance zu finden zwischen meiner persönlichen Belastbarkeit und den Belastungen, die ich in meinem Leben zugelassen habe -
Ein Schritt nach dem andern.

Heute fällt es mir leichter, in persönlichen Dingen um Hilfe und Beistand zu bitten oder auch einmal NEIN zusagen und etwas abzulehnen,
auch wenn es mir bisweilen immer noch schwer fällt.

Wenn ich mal Zahnschmerzen habe, dann gehe ich ja auch zum Zahnarzt und bilde mir nicht ein, den kranken Zahn selbst reparieren oder gar ziehen zu können :)

Ich wünsche weiterhin bestes Gelingen!




ame (aka amethysmena)
„Die beste Droge ist ein klarer Kopf.“


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Julia Offline



Beiträge: 82

09.01.2018 17:13
#4 RE: Abstinent leben antworten

Danke, liebe Ame und Susanne, für eure Rückmeldungen, die mich sehr freuen. Ich war mir nicht sicher, ob Rückmeldungen kommen :-)

Wie ich in einem Beitrag von Susannes Thread schon mal erwähnt hatte, wäre ich auch gern in eine Kur gegangen und hätte professionelle Hilfe angenommen. Seit Ende 2016 habe ich immer öfter darüber nachgedacht, dass ich eigentlich dringend eine Entgiftung und dann eine Therapie machen sollte. Habe mir auch einige Privatkliniken angeschaut und Einrichtungen im Ausland. An manchen Tagen, wenn es mir ganz schlecht ging, habe ich auch Mails an Einrichtungen geschrieben. Letztlich habe ich dann aber keinen Termin wahrgenommen. Insgesamt wurde meine Situation immer auf zu "viel Arbeiten" zurückgeführt. Auch der Hausarzt meinte, ich solle einfach mehr Dinge tun die mir Freunde machen und weniger arbeiten. Wahrscheinlich wirkte ich immer noch zu fit, zu klar, zu leistungsstark. A bisserl wurde ich wie die Businessfrau betrachtet, die einfach mehr Life und weniger Work ins Auge fassen und somit eine bessere Life Balance haben sollte.


2013 hatte ich einen 3-montigen Ausfall, weil ich praktisch 3 Jahre 180% gearbeitet habe (das meine ich so, wie ich es sage). Dann ging einfach nichts mehr und ich war 3 Monate zuhause und hatte Therapien. Ich wurde da sehr schnell und sehr gut aufgefangen. Danach eigentlich wieder voll eingestiegen, einfach mit 120 anstatt 180%. Das ging dann eine Weile so. Irgendwann kam, heute weiss ich, dass es das war, eine Angststörung. Die wurde immer schlimmer und ich habe sie einfach mit Alkohol unterdrückt. In leitender Stelle trage ich fachliche und personelle Verantwortung. Ich arbeite in einer Expertenorganisation. Wir stellen nichts her, das man essen oder benutzen könnte. Wir generieren Wissen, forschen, beraten, unterrichten und publizieren dabei, oft nebenher, noch viel. Der Publikationszwang wurde immer grösser. Die Ressourcen dafür werden aber nicht wirklich gesprochen. Es gehört zum Jobprofil, dass man das tut. Wie es in Expertenorganisationen oft so ist, findet jeder seinen Bereich halt wahnsinnig wichtig und versucht sich zu positionieren. Ich war immer irgendwie mittendrin. Mir widerstrebt dieses "Profilierungsgedöns" und diese selbstauferlegte Plaggerei. Alles ist immer nur darauf ausgerichtet, die Reputation aufrecht zu erhalten und die Profilierung voran zu treiben, über die Teilnahme an Fachtagungen, über die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Beiträgen, die möglichst in peerreviewt Journals erscheinen. Dafür muss man aber Forschung betreiben, für die man Drittmittel gewinnen muss etc. Wenn man sich in seiner Arbeit darauf konzentrieren könnte, würde das noch gehen. Ich muss aber auch internationale Projekte leiten, mein Team führen, Arbeiten betreuen und bewerten, Kunden beraten, unterrichten, neue Unterrichtsformate entwickeln und umsetzten etc. Am Schluss sind es einfach zu viele Baustellen, auf denen man tätig ist.


Manchmal konnte ich morgens kaum noch aus dem Haus. Wieder was vorstellen, wieder was präsentieren, wieder vor Menschen stehen, nachdem man bis nachts noch daran gefeilt hatte.Die Angst zu versagen, wurde grösser. Die intellektuelle Kapazität oft am Ende, durch die Verarbeitung dieser Massen fachlichem Stoff und Input. Output-Error. Getrieben von einem zum nächsten, permanentes Multitasking, permanenter Zeitdruck, auch bei einem 18 Stunden Tag nicht alles leisten zu können. Ich habe das immer geleistet, aber eben immer öfter abends und am Wochenende zur Flasche gegriffen. Es ging um bewusstes ausnoggen, daher auch Wodka, rein damit, Wirkung da. Häufig habe ich noch kranke Kollegen ersetzt. Mein körperlicher Zustand war fürchterlich. Ich musste alle 2 Monate eine Eiseninfusion erhalten, da ich massive Blutungen hatte und Unterleibsschmerzen bis zum Erbrechen. Im Frühjahr kam die Diagnose Verdacht auf ein Uterussarkom. Eine Op, dann noch eine OP im Juni. Es hat sich leider etwas hingezogen. Mein Leben war mir aus der Hand geglitten. Durch den Alkohol und die mangelnde Bewegung wurde ich immer dicker. Angefangen hatte das 2013 durch die Medikamente wegen dem Erschöpfungssyndrom. Da habe ich dann angefangen zuzunehmen. Viele viele viele Kilos. 2017 war ich so unerträglich dick, unfit, nur noch am arbteiten und trinken und psychisch und physisch total am Ende. Dann habe ich die 15 Tavor genommen. Nachdem ich trotzdem wieder aufgewacht bin, war mir klar, dass ich JETZT mein Leben ändere. Dann kam die Unterleibs-OP. Kein Krebs. Glück gehabt. Seit dem geht es mir körperlich viel besser.

Ich wollte keinen Alkohol mehr trinken, weil ich wusste, dass es mir ohne besser geht. Also habe ich aufgehört. Das mit der Therapie habe ich da nicht mehr angestrebt. Ich dachte, dass ich jetzt einfach aufhöre und mich dann später um eine Therapie kümmern kann. Ich wollte mich auch in diesem Forum hier anmelden. Dachte aber a. dass es kaum neue Beiträge gibt und b, dass mir nur geraten werden würde, auf keinen Fall kalt zu entziehen auf jeden Fall eine Therapie zu machen und auf jeden Fall in eine SHG zu gehen. Ich habe darüber nachgedacht. Mir war aber bewusst, dass ich es auch ohne schaffe. A), weil es es mir ohne Alkohol unmittelbar besser geht, ich wieder fitter bin und mehr schöne Sachen unternehmen kann. B) weil ich den besten Partnern an der Seite habe und ich unendlich dankbar dafür bin. Wenn ich nicht mehr saufe, ist das Leben wieder schöner, weil ich gemeinsame Aktivitäten nicht ablehne, sondern freudvoll mitmache. Es sprach für mich gar nichts mehr fürs Trinken. Ich war immer sportlich, aktiv und fröhlich und das wollte ich wieder werden.

Leider hat sich die Fröhlichkeit nicht so schnell wieder eingestellt. Das lag aber auch an der extrem hohen Arbeitsbelastung. Ich habe dann, wie gesagt, den Alkohol weggelassen, aber trotzdem noch zu viel gearbeitet. Bereits Ende Jahr habe ich meinem Chef und Umfeld gesagt, was ich künftig abgebe und nicht mehr mache. Das war ungemein befreiend. Die Arbeitsbelastung war dann nochmal sehr hoch. Seit heute sehe ich endlich Licht. Ich freue mich auf die nächsten Monate. Ich habe radikal Dinge weggegebene und gesagt, dass ich nicht mehr bereit bin, weiter so zu arbeiten. Das ist sehr befreiend. Die Ernährung habe ich am 1. Januar umgestellt. Viel Gemüse, Salat und Protein. Das hift mir, satt und zufrieden zu sein und doch auch an Gewicht zu verlieren, so dass ich mich wieder leichter und gerner bewege und dadurch dann auch weiter abnehme, zufrieden und agil bin. Das tut sehr gut. Die ersten Tage ohne Zucker waren anstrengend. Nun ist es schon viel besser :-)

Ich kann mittlerweile sehr gut auf den Alkohol verzichten. Über die Feiertage habe ich immer leckeren Punsch gemacht, und einfach schöne Getränke gezaubert. Die Gäste hatten riesen Freunde daran. Es hat kaum jemand Alkohol getrunken. Das fand ich total klasse. In meinem Umfeld hat es einige gepackt, weniger zu trinken. Wenn mein Partner Alkohol trinkt, stört mich das nicht. Doch eigentlich schon, weil es halt stinkt. Leider habe ich einen extrem ausgeprägten Geruchssinn, für mich stinkt fast alles. Das ist sehr anstrengend :-) Wenn ich ehrlich bin, denke ich nie daran, dass ich jetzt was trinken könnte oder möchte. Auch in der Anfangszeit war immer Alkohol im Haus. Mir war wichtig, dass ich von Beginn an damit klar komme und keine künstliche Situation schaffe. Ich wollte keine Schonung, sondern nichts mehr trinken, damit ich wieder ein schönes Leben habe. Weil ich dachte, dass das hier vielleicht ein wenig strange klingt, weil es so dem gängigen Verfahren widerspricht, in dem man sich erst mal eine alkoholfreie Umgebung schafft, habe ich hier wohl auch nicht früher geschrieben. Für mich war klar, dass das meine Strategie ist, die ich anwende. Ich wollte darüber nicht diskutieren. Ich habe mir auch Alkohol einschenken lassen, wenn ich keine Lust hatte zu betonen, dass ich keinen möchte und ihn dann einfach stehen lassen. Beim Anstossen nur das Glas gehoben und eben nicht getrunken. Es ging, weil ich NICHT MEHR TRINKEN wollte. Ich wusste, dass ich es schaffe. Immer wenn ich hier mal schreiben wollte, weil ich mich gern ausgetauscht hätte, hat mich dies gehindert. Ich dachte, dass ich die Strategie rechtfertigen muss. Das wollte ich nicht. Ich respektieren jeden, der es schafft trocken zu werden und trocken zu blieben. Ganz vielen Menschen hilft es zu sagen, "ich bin Alkoholiker und werde es immer sein". Selbst kann ich mich damit nicht identifiziere. Ich war Alkoholikerin, ich habe Alkoholmissbrauch betrieben und ich war abhängig, das habe ich am eigenen Leib und in der eigenen Psyche erlebt und gespürt. Ich bin heute aber keine Alkoholikerin mehr. Ich bin eine Frau, die keinen Alkohol trinkt, weil es ihr nicht gut tut und weil sie in der Vergangenheit nicht damit umgehen konnte. Durch den Missbrauch ist sie abhängig geworden, ihr Leben wurde dadurch sehr traurig und anstrengend. Eigentlich mag diese Frau de Geschmack von Alkohol gar nicht. Sie hat ihn nur der Wirkung wegen getrunken:

Heute bin ich eine Frau, die Alkohol bewusst nicht konsumiert. Die Alkohol nicht mag, den Geruch nicht, den Geschmack nicht und mittlerweile auch die Wirkung nicht. Es spricht für mich nichts dafür, heute, morgen, oder übermorgen Alkohol zu trinken. Da ich aber immer nur im Jetzt lebe, entscheide ich mich im Jetzt als heute, keinen Alkohol zu trinken. Es ist keine Entscheidung, ich denke einfach gar nicht darüber nach. Ich möchte es hier nur einfach schreiben, wie es Konzepte gibt, die davon ausgehen, dass man Alkoholismus nicht durch Willenskraft behandeln kann. Ich gehe davon aus, dass man das kann, wenn man dazu bereit ist. Manchmal braucht es Unterstützung durch Gespräche, Therapie etc, und manchmal geht es einfach so, weil der Mensch das will und es geht nur, wenn der Mensch das will. Ich weiss, dass das nur für bestimmte Menschen geht und für andere ist etwas anders stimmig. Und genau das wünsche ich mir, dass Platz ist für unterschiedliche Meinungen und Konzepte. Ich würde nie jemanden sagen, dass er es durch pure Willenskraft probieren soll etc. Jeder muss für sich den Weg finden und es ist schön, dass es viele Wege gibt. Ich bin sehr dankbar, dass es mir heute ohne Alkohol viel besser geht. Ich kann Situationen viel besser meistern. Es war nicht leicht, immer alles ungefiltert zu ertragen. Ich empfinde es mittlerweile aber als sehr wohltuend, die Dinge nüchtern zu betrachten und nüchtern zu erleben. Jeden Tag aufs Neue. Das möchte ich beibehalten. Nüchtern sein.

Ui, heute ist es ein langer Text geworden. Und wieder eher trocken respektive unflockig :-)

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Julia Offline



Beiträge: 82

09.01.2018 19:09
#5 RE: Abstinent leben antworten

Ich bin noch am Überlegen, wie ich langfristig wieder in eine gute Balance kommen kann. Yoga, schwimmen und Sport mache ich schon wieder. Viel mehr Freizeitaktivitäten sind auch schon wieder angedacht, Konzertkarten gebucht :-) Die Arbeit ist zurückgeschraubt. Das Mädels-Wochenende auf dem Schirm. Nach all der vielen Maloche in den letzten Jahren gönne ich mir eine Weiterbildung, die nur für mich persönlich ist und ich freue mich wie Bolle darauf.

Mir ist klar, dass ich noch neue Strategien erarbeiten und erproben muss für mehr emotionale Stabilität. es gibt auch noch ein, zwei Dinge aus der Vergangenheit, die ich gern angehen möchte. In den letzen Jahren habe ich Vieles aufgearbeitet. Es ist ja nur nach und nach möglich und es muss auch einfach der richtige Zeitpunkt dafür da sein. Ich weiss noch nicht so recht, ob ich dafür mal eine Landzeit-Therapie in Betacht ziehen soll. IN den letzen Jahren hatte ich Gesprächs- und Verhaltenstherapien. Ich spüren, dass ich auch sehr dringend körperliche Erholung brauche. Auf der anderen Seite hab ich noch nie in Gruppen gearbeitet und könnte mir vorstellen, dass das auch eine gute Art ist, sich seiner selbst anzunehmen. In meiner Weiterbildung werden da auch sehr viele Themen hochkommen und besprochen werden. Die gehört zur persönlichen Weiterentwickung.

Was ist denn eure Erfahrung? Ist es sinnvoll mit anderen ehemaligen Süchtigen eine Therapie zu machen, auch wenn man im Leben ganz gut weiss, was man will und wo der Haken eigentlich liegt und sich im Grunde ja auch durch Alternativen dazu stabilisieren kann.

Würde mich über eure Erfahrungen freuen. Danke.

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nino Offline



Beiträge: 72

09.01.2018 20:15
#6 RE: Abstinent leben antworten

Zitat von Julia im Beitrag #5
Was ist denn eure Erfahrung? Ist es sinnvoll mit anderen ehemaligen Süchtigen eine Therapie zu machen,

meiner Meinung nach klares JA. Insb. auch weil nach einem halben Jahr das Thema Sucht nicht einfach erledigt ist - wg. dem Begriff ehemalige Süchtige - ich hänge nicht an der These mit der lebenslangen Krankheit, aber ich sehe schon deutlich mehr Abstand als notwendig an, bevor da ein Deckel drauf ist.
Ich halte eine Therapie für zielführender als eine SHG, sich wirklich seine Themen fokussiert anzuschauen. Auch wenn die Punkte von anderen behandelt werden, ist viel Lernpotenzial für mich selbst dabei. Insofern ist die Mischung Gruppe/Einzelgespräch schon gut, und das Ganze geht ja auch ambulant oder kombiniert stationär/ambulant wenn das besser passt eine "klassische" Langzeit stationär. Wenn Du für Dich eine wirkliche Auszeit mit Abstand mit Alltag brauchst, klingt die stationäre natürlich sinnvoll.


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Susanne Offline



Beiträge: 81

09.01.2018 20:15
#7 RE: Abstinent leben antworten

Hallo Julia,

Michael Kleeberg schrieb mir bzw. in "meinem" thread im Juli 2017: „ Ich stell mir im Vergleich immer so eine Siedlung vor. Jedes Haus sieht anders aus aber alle stehen auf einem Fundament. Unser Fundament ist: Getrunken wird nicht. Egal was passiert. Das erste Glas bleibt stehen.
Wie Dein Haus dann mal aussieht ist jetzt erst einmal egal. Das Fundament zählt.“

Das Bild fällt mir ein zu Deinen Bedenken, dass Du Dich vielleicht hier rechtfertigen müsstest für Deinen Weg.
Für Deine Art von Haus.
Musst Du nicht.

Zu Deiner Frage kann ich noch keine Erfahrung dazusteuern, aber meine Überlegungen, warum ich mich auf acht Wochen Klinik freue: Ich habe jetzt -so wie Du- erfolgreich sieben Monate aus mir selbst heraus die Kraft für meine Abstinenz geschöpft. Das macht mir viel Mut für die Zukunft. Jetzt aber gönne ich mir diese Wochen an professioneller, vielfältiger, intensiver und bestmöglicher Unterstützung, die mir das System zu bieten hat; eine Gunst, die ich mir -fernab von allen Alltagsverpflichtungen- großzügig selbst gewähre :-) Weil ich es mir wert bin.

Dein kleiner Tippfehler: Landzeit (Therapie) gefällt mir.
"Landzeit" ist vielleicht gut für dringend benötigte seelische und körperliche Erholung...

Viele Grüße, Susanne


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Komplex Offline



Beiträge: 3.836

09.01.2018 20:27
#8 RE: Abstinent leben antworten

Zitat von Julia im Beitrag #4


Ganz vielen Menschen hilft es zu sagen, "ich bin Alkoholiker und werde es immer sein". Selbst kann ich mich damit nicht identifiziere. Ich war Alkoholikerin, ich habe Alkoholmissbrauch betrieben und ich war abhängig, das habe ich am eigenen Leib und in der eigenen Psyche erlebt und gespürt. Ich bin heute aber keine Alkoholikerin mehr.




Hallo Julia,

willkommen hier.

Bei dem Zitat zucke ich zusammen. Und kann es natürlich nur für mich sagen: So dachte ich nach fast drei Jahren sehr zufriedener Trockenheit auch. Mit der Folge, dass ich meinte, ich könne wieder "normalbürgerlich" trinken, also hin und wieder mal ein Glas Wein oder zwei, eben nicht abhängig oder missbräuchlich. Das ging perfekt in die Hose. Es wurde damals schleichend immer mehr, bis ich wieder auf meinem alten, abhängigen Level war.

Diese Erfahrung lehrt mich (wie im Übrigen auch für andere Abhängigkeiten wie Tabak), dass ich mein Leben lang Alkoholiker bleibe, und mir das künftig in einer Selbsthilfegruppe bewusst erhalte. Deshalb allerdings sehe ich keinen Grund, damit verschämt oder schuldbewusst umzugehen. Es ist nur die Erfahrung, und die möchte ich mir bewahren, damit "es" nicht noch mal passiert.

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Julia Offline



Beiträge: 82

09.01.2018 20:57
#9 RE: Abstinent leben antworten

Herzlichen Dank für eure Beiträge. Ich freue mich riesig über jede einzelne Rückmeldung. Ich habe mich hier angemeldet, weil ich lernen will - und teilen. Danke! Es ist unendlich wertvoll eure Erfahrungen zu lesen. So viele Geschichten, die ich hier gelesen habe, kommen mir aus meinem Leben total bekannt vor und ich habe einen riesen Respekt davor, wie ihr euren Weg geht. Bin sehr happy, dass ich hier aufgenommen wurde und freue mich auf den weiteren Austausche.

@Susanne: das mit dem Haus ist ein schönes Bild, das nehme ich gern mit. "Landzeit-Therapie" finde ich auch super :-) Ich wollte es noch editieren, die Zeit war dann aber überschritten und es musste so stehen bleiben. Aus meiner Sicht kann man das bestens so stehen lassen. Ich freue mich sehr auf deine Erfahrungen aus der Kur/Therapie. Das wird bestimmt eine ganz tolle und auch intensive Zeit.

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Illusion Offline



Beiträge: 87

09.01.2018 22:56
#10 RE: Abstinent leben antworten

hallo zusammen,

ich finde mich in deiner Schilderung sehr wieder, liebe Julia.

Zitat
Wahrscheinlich wirkte ich immer noch zu fit, zu klar, zu leistungsstark. A bisserl wurde ich wie die Businessfrau betrachtet, die einfach mehr Life und weniger Work ins Auge fassen und somit eine bessere Life Balance haben sollte.


genau so erging nein ergeht es mir dauernd! Niemand kommt auf die Idee, wie groß mein Problem ist, bzw dass ich überhaupt eins haben könnte.....und ich habe mehr als eins...die starke selbstbewusste erfolgreiche Frau, die alle sehen...sie ist eine gute Maske geworden...manchmal bin ich froh, sie zu haben aber oft auch hasse ich sie, würde ich lieber "klein" sein und gesehen

Perfektionismus
ohja...er hat mich weit gebracht aber auch tief sinken lassen
wie Ame schrieb, es scheint auch bei dir viel zu sein...Ziele, eigene Erwartungen
meine sind auch so viele: abstinent leben, gesünder werden, weniger Schmerzen, mehr Sport, erfolgreicher, dünner (...)
- aber welche kann ich hinten an stellen?

Dein genanntes Bild, liebe Susanne, habe ich gleich kopiert.

Zitat
Michael Kleeberg schrieb mir bzw. in "meinem" thread im Juli 2017: „ Ich stell mir im Vergleich immer so eine Siedlung vor. Jedes Haus sieht anders aus aber alle stehen auf einem Fundament. Unser Fundament ist: Getrunken wird nicht. Egal was passiert. Das erste Glas bleibt stehen.
Wie Dein Haus dann mal aussieht ist jetzt erst einmal egal. Das Fundament zählt.“


Es ist wunderbar!

SO viele Gedanken
die erst noch den Weg in Worte finden müssen

DANKE für eure Inspiration und Anregungen, HILFT SEHR

************************************************
"wer noch atmet, ist mehr gesund als krank" (Hirschhausen)


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Vianne Online



Beiträge: 142

10.01.2018 07:38
#11 RE: Abstinent leben antworten

Servus Julia und willkommen an Board hier im Forum,

und herzlichen Glückwunsch zu den 7 Monaten ohne Alkohol. Ich werfe hier mal spontan einige Assoziationen ein


Zitat von Julia im Beitrag #5
Ich bin noch am Überlegen, wie ich langfristig wieder in eine gute Balance kommen kann.


Du schreibst "wieder in eine gute Balance". Da klingt für mich an, dass du schon einmal in dieser "guten Balance" warst -- sehe ich das richtig? Wenn das der Fall ist, dass du einen Zustand der "guten Balance" kennst, was war damals anders? Ich vermute, da hast du weniger gearbeitet. Doch viel interessanter finde ich die Frage, warum du dich so stark (180%, reduziert dann auf 120%) in die Arbeit involviert hast. Ich meine jetzt nicht die "üblichen" strukturellen Standards in deinem beruflichen Umfeld, sondern deine persönliche Motivation.

Hast du so viel gearbeitet, weil es andere von dir erwartet haben? Weil du das für dich als Standard gesetzt hast? Wegen der Anerkennung? Was steckt da dahinter? Das finde ich eigentlich so die wichtigste Frage -- was hat dich dazu bewegt, so tief in die Arbeit einzutauchen, dass du bereit warst deine Gesundheit und dein Wohlergehen zu schädigen und deine eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrzunehmen -- bis zum (un)bewussten Suizidversuch?

Vielleicht wärs gut, da mal genauer hinzukucken.

Zitat von Julia im Beitrag #5
Nach all der vielen Maloche in den letzten Jahren gönne ich mir eine Weiterbildung, die nur für mich persönlich ist und ich freue mich wie Bolle darauf.


Du zählst auf, was du der Arbeit jetzt entgegensetzen wirst -- Yoga, Sport, Ernährungsumstellung, eine Weiterbildung (auch wenn sie mehr ins Persönliche zieht). Wieder wird "gearbeitet" -- diesmal an deiner Work-Life-Balance. Das klingt für mich ganz stark nach Perfektionismus. Ist das ein Thema bei dir? Wenn ja, woher kommt dieser Hang zum "perfekt sein" bzw. zur Selbstoptimierung bei dir?

Zitat von Julia im Beitrag #5


Mir ist klar, dass ich noch neue Strategien erarbeiten und erproben muss für mehr emotionale Stabilität. es gibt auch noch ein, zwei Dinge aus der Vergangenheit, die ich gern angehen möchte. In den letzen Jahren habe ich Vieles aufgearbeitet. Es ist ja nur nach und nach möglich und es muss auch einfach der richtige Zeitpunkt dafür da sein. Ich weiss noch nicht so recht, ob ich dafür mal eine Landzeit-Therapie in Betacht ziehen soll. IN den letzen Jahren hatte ich Gesprächs- und Verhaltenstherapien. Ich spüren, dass ich auch sehr dringend körperliche Erholung brauche. Auf der anderen Seite hab ich noch nie in Gruppen gearbeitet und könnte mir vorstellen, dass das auch eine gute Art ist, sich seiner selbst anzunehmen.


Welche Funktion hat dieser Begriff "Arbeit" für dich -- welchen Benefit hast du durch deine Arbeit, dass sie so wichtig ist, dass du sogar bereit warst über deine eigene Leiche zu gehen?

Es gibt die unterschiedlichsten Wege aus der Sucht, finde es spannend über deinen zu lesen -- und auch dass mit dir wieder etwas Schwung ins Forum kommt.

Liebe Grüße
Vianne


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newlife Offline




Beiträge: 3.664

10.01.2018 08:22
#12 RE: Abstinent leben antworten

Zitat
Perfektionismus
ohja...er hat mich weit gebracht aber auch tief sinken lassen



Ich kann da mitfühlen. Er hat dafür gesorgt, dass ich sehr lange meine Fassade aufrecht erhalten konnte und von mir selbst so dermaßen eingenommen war, dass es schon zum Himmel stank. Selbstverständlich war ich immer besser, wie andere und ich war es, der wieder ne Prämie kassiert hat.

Perfektionismus ist etwas, was den Zugang zu deiner Person erschwert. Es kann soweit gehen, dass du selbst gar nicht weisst, wer du eigentlich bist. Ich habe mich erst einmal selber kennenlernen müssen, um eine Kehrtwende einleiten zu können.

xfce.org - Für ein Leben ohne Abhängigkeiten


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Julia Offline



Beiträge: 82

10.01.2018 08:56
#13 RE: Abstinent leben antworten

Mönsch, ich freu mich wie Bolle über eure Rückmeldungen - coole Dynamik!

@Illusion, wie schön, dass du auch im Boot bist. Du klingst sehr motiviert.

@Vivianne: ganz herzlichen Dank, dass du meinen Beitrag so genau gelesen hast und wie schön du das raus"gearbeitet" hast super Analyse

Arbeiten ist wohl ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben. Ich möchte an eine gute "Life Balance kommen". Das schreibe ich bewusst so, nicht "Work Life Balance".

Leben und Arbeiten ist bei mir verwoben, das möchte ich auch so. Die Arbeit hat einfach ein zu grosses Gewicht eingenommen, daher ausser Balance. Es ist mir wichtig, frei entscheiden zu können, wann ich Arbeitszeitfenster habe und wann ich mich Persönlichem und Privaten widme. Von daher ist es ok, sonntags in einem Zeitfenster von 8.00 bis 12.00 was für den Job zu machen. Dafür mache ich dann z.B. dienstags am Vormittag was mit meinem Partner oder geh zum Sport/Wellnesss. Ich bin mit den meisten meiner beruflichen Tätigkeiten sehr happy. Es hat Vieles was ich brauche: Menschliches, Intellekt, Inspirierendes, schöne Ergebnisse, Innovatives, ....Die Dinge, die ich mache, interessieren mich auch privat.

Mein Partner und ich reisen viel. (Er ist in einer anderen Branche). Er ist international tätig und ich begleite ihn oft. Das nutze ich, um neue Städte zu erkunden, berufliche Partnerschaften zu pflegen, Freunde zu treffen, mich inspirieren zu lassen. Wir haben Freunde auf der ganzen Welt und pflegen diese Freundschaften dadurch. Wir machen oft aber auch einfach privat kürzere Trips, oder auch längere Reisen. Wenn ich drei Wochen weg bin, muss ich halt Vieles vor. und nacharbeiten, damit das funktioniert.

Mein Partner besucht häufig Veranstaltungen mit mir aus meinem beruflichen Netzwerk. Er ist da mittlerweile sehr gut integriert und wir haben Freude, die Anlässe gemeinsam zu besuchen, weil es das um spannende Themen geht und weil ist gemeinsam viele Menschen dort treffen, denen wir verbunden sind. Ich gehe immer wieder mal auch zu seinen Anlässen. Wir unterstützen uns in beruflichen Dingen sehr. Und, natürlich hat mein Partner mir die Pistole auf die Brust gesetzt und gesagt, dass ich nun wirklich was an meiner beruflichen Situation ändern muss, wenn ich nicht vor die Hunde gehen möchte. Ausserdem würde die Situation unsere Partnerschaft belasten. Er wollte schon mit meinem Chef sprechen (sie verstehen sich sehr gut, mein Chef schätzt meinen Partner extrem). Natürlich hab ich das mit Händen und Füssen abgewehrt. Und natürlich weiss mein Partner, dass das nicht geht. Es hat mir aber geholfen, weil ich dann doch für mich selber hingestanden bin und gesagt habe, dass das so nicht mehr geht und auch Klar Schiff gemacht habe. Daher ist die berufliche Situation nun viel besser.

Nach den vielen Jahren der Maloche packe ich nur noch Projekte und "Dinge" an, die mich inspirieren. Das habe ich auch meinem Umfeld gesagt. Wenn mich etwas nicht interessiert und nicht inspiriert, mache ich es nicht mehr. Sie verstehen das. Hocken ja im gleichen Boot.


Zu dem Begriff "arbeiten". Wenn ich mir Strategien "erarbeite", dann könnte ich auch das Wort "erspielen" dafür einsetzten. Strategien zu "erarbeiten" macht mir Freude. Mit erarbeiten meine ich, mir etwas anzueignen, das kann durchaus freudvoll sein. Die Vergangenheit habe ich "aufgearbeitet" und in diesem "Arbeiten" steht auch viel Schmerz.

Ich habe gemerkt, dass ein fester Rahmen wichtig für mich ist. Sport machen und Yoga üben. Wenn ich das tue, gehts mir psychisch und physisch einfach viel viel besser. Wenn ich es schleifen lasse, komme ich in eine Depristimmung.

Und ja, ich bin eine "Hochleistungsmaschine" und das möchte ich wieder ändern. Mehr Ruhe und Gelassenheit, mehr "zielführendes" Nichtstun

Wir möchten dieses Jahr gern wieder eine Ayurveda-Kur in Sri Lanka machen (dort unterstütze ich seit 12 Jahren mehrerer soziale Projekte für Kinder und habe auch einen Verein mitbegründet, allenfalls auch mal Meditieren gehen. Es soll für mich das Jahr der inneren und äusseren Freude werden. Das ist mein Ziel. Ich funktioniere halt einfach über Ziele :-) Sanft mit mir werden gehört auch dazu. Gut auf meine Bedürfnisse zu achten und mich gut um mich kümmern.

Warum ich so viel gearbeitet habe? Nun, das ist wohl Vielschichtig. Aus der "Habe-Bald-Phase", die ja meist mit erhöhtem Arbeitsaufkommen einhergeht, nicht so richtig in die Ernte der Früchte gegangen. Die Halte-Fest-Phase war gar nicht möglich. Interner Change-Prozess, hohe Leistungsanforderungen, viel Verantwortung, hohes kompetitives Umfeld. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. So habe ich das wohl empfunden. Um in diesem hoch kompetitiven Arbeitsumfeld zu bestehen, musste ich einfach ranklotzen. Sonst hätte ich aussteigen und mir einen anderes Job suchen müssen. Man will das halt nicht, wenn man mehrere Studiengänge abgeschlossen und viel dafür getan hat, dort zu sein, wo man ist. Heute bin ich in der Lage/Position zu sagen, ich mach jetzt nur noch, was mich inspiriert. Das ist nur möglich, weil ich diesen Leistungsausweg habe. Sicher hätte ich auch mit weniger Arbeit einen guten Leistungsausweg gehabt. Ich bin nun aber halt diesen Weg gegangen und kann an der Weggabelung nun einfach nur für die Zukunft entscheiden, wie ich weitergehen möchte. Das habe ich getan. Weniger Arbeit, mehr Freudvolles, mehr Inspiration. Mein Team liebt mich dafür, mein Chef hat akzeptiert :-)

Jetzt mit Mitte 40 darf ich endlich in eine friedvolle Zeit gehen und freu mich so sehr darauf. Ich geniesse nun die Tage. Hab zwar noch ne Menge "Arbeit" heute zu bewältigen, ich nehme mir aber die Zeit, erstmal hier meine Gedanken nieder zu schreiben. Mein Team freut sich auch sehr auf die weitere Zuammen"arbeit". Die hohen und harte Maßstäbe, ich ich an mich gelegt habe, habe ich nie ans Team gestellt. Ihr Empowerment war mir immer wichtig. Es mir immer sehr wichtig, dass sie sich beruflich so einbringen können, wie sie da möchten und dass sie in Balance sind und genügen frei haben, Ferien machen und nicht nur für den Job leben. Ich werd als "Chefin" und Kollegin sehr geschätzt.

Das Wort "Arbeit" ist für mich also grundsätzlich positiv besetzt. Sicher war ich eine zeitlang auch ein Anerkennung-Junkie. Heute weiss ich was ich kann und was nicht und was ich will und was nicht. Daher bin ich nicht mehr auf die Anerkennung von anderen angewiesen. Das tut natürlich ungemein gut. Das war aber ein langer Weg. Heute sage ich, was ich nicht kann. Früher war ich damit beschäftigt, das zu verstecken, zu kompensieren, zu verbessern. Wenn ich so drüber nachdenke, habe ich mich in den letzten Monaten gehäutet. Das tat weh. Die Transformation ist aber gut und ich fühle mich Solo viel besser, in ganz vielen Bereichen. I


A bisserl fühle ich mich wie ein Baum, der ganz fest verwurzelt in der Erde verankert ist und dessen Blätter und Äste im Winde frei scheinen. Das fühlt sich gut an!

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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird,
ist es noch nicht das Ende. (Oscar Wilde)


kapoen Offline



Beiträge: 281

10.01.2018 09:33
#14 RE: Abstinent leben antworten

Hallo Julia,

beim Lesen Deiner Beiträgen bin ich mir noch nicht schlüssig, ob ich Dich mehr bewundern oder mehr bedauern soll!? Bewunderung für Deine sicherlich sehr hohe Leistungskompetenz, Leistungsbereitschaft und Deine schier übermenschliche Diziplin, welche Du bei der Bewältigung der an Dich gestellten Aufgaben oderr auch bei der Bewältigung schwierigste Lebenssituationen an den Tag legen mußt!
Bedauern deswegen, weil bei aller Befriedigung einerseits in Deinen Schilderungen doch auch sehr deutlich rüber kommt, welch hohen drastisch persönlichen Preis Du dafür zahlen mußtest bzw. bereit warst dafür zu zahlen!

Was sind eigentlich Deiner Meinung nach die Hauptursachen Deiner Sucht, Deines mißbrauchlichen Konsums?

Grüße
Kapoen


3 Mitglieder finden das Top!
Julia Offline



Beiträge: 82

10.01.2018 09:40
#15 RE: Abstinent leben antworten

Noch ein Nachtrag: Ich arbeite nach Jahresarbeitszeit und Zielvereinbarungen. Daher gibt es auch keine Überstunden. Es gibt keine wöchentliche oder monatliche Arbeitszeit, die gemessen wird, nur Jahresarbeitszeit. Ich kann von überall auf unseren Server zugreifen. Wir arbeiten viel im Homeoffice oder von unterwegs. Daher kann man auch auf Reisen gut arbeiten. Natürlich gibt es feste Tage, an denen man im Büro ist, weil man Besprechungen, Projekte, Unterricht etc. hat. Aber im Grunde sind können wir zeit- und ortsunabhängig arbeiten. Dieses System bietet viele Freiheiten, hat aber auch Nachteile. Ein bisschen ist es moderne Sklaverei. Man hat für seine Projekte einfach nur xy Stunden, die man als Zeit budgetiert bekommt, wenn man mehr Zeit braucht - Pech gehabt. Gegen die ständige Verfügbarkeit muss man sich selbst wehren. Ich bekomme rund um die Uhr Mails und Anfragen etc. In meiner Arbeitswelt gibt es kein Nine to Five. Und wenn ich krank bin, muss ich meine Ziele ja trotzdem erreichen, dann halt in kürzerer Zeit. Das ist schon moderne Sklaverei.

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Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird,
ist es noch nicht das Ende. (Oscar Wilde)


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