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Saufnix
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Dieses Thema hat 113 Antworten
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 Deine eigene Alkoholkarriere
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kapoen Offline




Beiträge: 218

12.10.2007 10:17
RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Ich war oft im Krankenhaus zur Entgiftung. Die ersten zwei Male noch mit eigener Kraft und auf eigenen Beinen. Später
wurde ich in der Regel eingeliefert: Irgendwo aufgelesen,
von Passanten, von einer Streifenwagenbesatzung, von Beam-
ten der Bahnpolizei. Nicht daß ich schon direkt auf der
Straße gelebt hätte. Da war durchaus noch das, was man ein
bürgerliches Umfeld nennen könnte. Aber ich hatte die Do-
sierung des Alkohols nicht mehr im Griff: Immer öfter habe
ich, ohne es richtig mitzukriegen, die Grenze zum totalen
Blackout überschritten.

Für einen Alkoholiker ist das eine ganz unerwartete Er-
fahrung. Als Säufer ist man ja selten richtig besoffen.
Ich ineine, man ist es nicht in dem Sinn, in dem ein "Nor-
maler" besoffen ist, wenn er mehr getrunken hat, als er
verträgt. Aber "besoffen sein" wollte ich ja auch nie.
Zumindest am Anfang meiner Säuferkarriere nicht. Ich
wollte nur diesen anderen Bewußtseinszustand erreichen.
Den, in dem das Leben leicht und lebenswert wird, und man
selber ein bißchen die Erdenschwere verliert, die einen so
sehr behindert. So oft in meinem Leben war ich mir vorge-
kommen wie eine Eidechse an einem kalten Morgen - unbewe-
glich, träge, schwerfällig, langsam. Alle anderen hingegen
waren flott, waren gut drauf. Die waren die winner, ich
war der looser. Im Laufe der Jahre hab ich dann begriffen,
daß Alkohol hilft. Alkohol ist warm. Wenn er sich wohlig
vom Bauch aus im Körper ausbreitet, ist das mehr als ein
tolles Gefühl, es ist Lebensenergie die ausströmt: Witz,
Schlagfertigkeit, Selbstbewußtsein, selbst Schönheit -
alles hat man plötzlich. Zumindest hat man das Gefühl, man
hätte es, wenn man es brauchte. Wenn es jetzt drauf ankäme
- jetzt könnte man, wenn man wollte.

Mit der Zeit ist diese schöne Illusion immer schwieriger
zu erreichen. Der Körper braucht ja schon eine gewisse
Alkoholzufuhr, um überhaupt normal reagieren zu können.
"Normal" heißt, ohne Entzugserscheinungen, ohne Unruhe,
ohne Zittern, ohne Angstzustände. Derartige Symptome
traten bei mir sehr früh auf, ohne daß ich sie damals mit
dem Alkohol in Verbindung gebracht, oder gar als Entzugs-
erscheinung identifiziert hätte. Ich sah die ganze Sache
viel naiver: Mir war einfach nicht gut, und ich wußte,
nach einem kräftigen Schluck Alkohol würde mir besser
gehen. Ich fühlte mich dabei nicht anders oder abhängiger
als einer, der nach einem fetten Essen einen Verdauungs-
schnaps trinkt. Daß es bei mir statt einem zwei, drei,
vier oder noch mehr Schnäpse waren, war für mich kein
warnendes Zeichen. Mir war eben nur ein bißchen öfter ein
bißchen schlechter als den anderen.

Mit diesen paar Schnäpsen war also schon mal das Schlecht-
sein vorbei, aber war das positive Glücksgefühl, das ich
so sehr suchte, war noch nicht erreicht. Träge, schwerfäl-
lig, unbeweglich war ich ja noch immer. All das, was ich
so an mir haßte, war noch da. Um die wunderschöne Leich-
tigkeit zu gewinnen, mußte ich noch ein bißchen mehr
trinken, nicht viel, nur noch ein kleines bißchen mehr.
Oberflächlich gesehen war damit nicht viel passiert. Ich
trank eben einfach immer noch ein bißchen mehr. In Wirk-
lichkeit aber war hatte sich nicht nur die Trink-Menge
verändert, sondern auch das Trink-verhalten. Zu Anfang
hatte das Trinken ein positives Ziel - ich wollte ein
schönes Gefühl erreichen und über meine Grenzen hinaus-
kommen. Jetzt war etwas ganz anders geworden: ich wollte
nicht nur etwas positives erreichen, ich wollte auch etwas
negatives vergessen:

Mein Trinken machte mir ein schlechtes Gewissen, lange
bevor es mir handfeste soziale Schwierigkeiten geschafft
hat. Ich wußte ja sehr wohl, daß Trinken der falsche Weg
war. Ich wurde ja nicht wirklich zu dem erfolgreichen,
selbstsicheren, beliebten Mann, der ich so gern gewesen
wäre, ich gewann nur ab und zu die Vorstellung, wie man
sich fühlen würde, wenn man es wäre. Es ist vielleicht am
ehesten mit einem sexuellen Traum zu vergleichen - man
erlebt etwas schönes, und doch bleibt die richtige Er-
füllung aus. Schlimmer noch, wenn man aufwacht, fühlt man
sich mies: betrogen und frustriert.
So wenig mir damals klar war, daß ich schon abhängig, daß
ich schon Alkoholiker war, so sehr war mir in nüchternen
Augenblicken bewußt, daß ich mich durch mein Trinken in
einer Sackgasse hielt. Um aus meiner Situation herauszu-
kommen, hätte ich aktiv handeln müssen, statt mit dem Glas
in der Hand zu träumen, ich hätte Beguemlichkeit und Feig-
heit überwinden müssen, ich hätte meine Grenzen über-
schreiten müsen. Genau das aber hatte ich, wo überhaupt,
nur mit Hilfe des Alkohols gelernt.

Wie gesagt: Selbst als in meinem Umfeld noch alles intakt
war, als von dort noch keine Sanktionen wegen meiner
Trinkerei drohten, als ich alles noch halbwegs "im Griff"
hatte, selbst in diesem Stadium mußte ich schon trinken,
um etwas zu verdrängen - das Bewußtsein, hier einen
kapitalen Fehler zu machen. Wenn man mich heute fragt,
würde ich genau an diesem Punkt, an dem das Trinken zwei
Richtungen gewonnen hat - ein positives Gefühl zu erlangen
und ein negatives Gefühl zu vergessen - den Beginn meiner
psychischen Abhängigkeit ansetzen. Das mag nicht besonders
wissenschaftlich sein, vielleicht ist es auch psycholo-
gisch überhaupt nicht haltbar, fest steht jedoch, daß es
von da an nur noch bergab ging.
Bergab bis eben zu jenein Punkt, an dem ich die Dosierung
nicht mehr im Griff hatte: Man fängt am Morgen an zu
trinken, um die Körperfunktionen wieder ins Lot zu kriegen
und um die Angst und das schlechte Gewissen loszuwerden,
man trinkt am Vormittag weiter, um gut drauf zukommen, um
dieses Glücksgefühl zu erhaschen, das sich aber nicht mehr
recht einstellt. Also muß es wohl heute noch ein bißchen
mehr sein: Man trinkt weiter. Aber das Glücksgefühl kommt
nicht. Was stattdessen kommt, ist der Blackout. Woran das
liegt? Ob es der angegriffene Körper ist, der nicht mehr
wie gewohnt reagiert, der sozusagen aus dem Ruder läuft
und ohne Vorwarnung aussteigt? Oder ob man ab einem
gewissen Alkoholspiegel einfach die körpereigenen Signale
nicht mehr mitkriegt und weitertrinkt, obwohl man längst
zuviel hat?

Ich weiß es nicht und das ist vermutlich genau das typi-
sche daran - was genau passiert ist, weiß man hinterher
nicht mehr: Nicht wann, nicht wie, nicht warum. Es fehlen
einem einfach etliche Stunden, manchmal sogar Tage: Man
wacht irgendwann auf, und ist irgendwo - zu Hause im Bett,
auf dem Fußboden im Wohnzimmer eines Freundes, auf dem
Rücksitz des Autos, im Rinnstein in irgendeiner Torein-
fahrt - oder auch im Krankenhaus.
Die Tatsache, daß man eingeliefert wurde, ist nur bei den
ersten Malen schlimm. Mit schlimm meine ich noch gar nicht
einmal die äußeren Bedingungen. Sicher, die Umstände sind
übel, gerade wenn man nicht bloß in irgendeiner Notauf-
nahme gelandet ist, sondern wenn sie einen direkt in die
Entgiftungsstation gebracht haben. Die ist nicht selten
mit der psychiatrischen Abteilung zusammengelegt und dem-
entsprechend ist die Umgebung: verriegelte Türen, Sicher-
heitsschleusen, strenge Besuchsregelung. Für einem, der
zum ersten Mal "drin" ist, ist das Erlebnis ein Schock:
Man ist körperlich und seelisch völlig down - schwach,
hilflos, ohne Orientierung - und findet sich in einer
Umgebung wieder, wie man sie sonst nur aus schlechten
Psychokrimis kennt. Ich jedenfalls fühlte mich völlig
ausgeliefert und wollte nur eines in aller Welt: Raus.
Natürlich wird jeder derartige Versuch im Keim erstickt -
entlassen wird nicht der, der raus will, entlassen wird
der, dem Arzt den Entlassungsschein ausstellt - und
deshalb steigt Panik in einem auf: "Wird man hier je
wieder herauskommen?"

Dieser Horrortrip läßt nach, wenn das Bewußtsein klarer
wird. Aus Wärtern und Monstern werden dann wieder Ärzte
und Schwestern, doch je klarer das Bewußtsein wird, desto
schlimmer wird etwas anderes: Die Erkenntnis, daß man hier
ganz offiziell als Alkoholiker eingestuft ist. Für mich
war diese Erkenntnis furchtbar. Ein Alkoholiker war für
mich jemand, der willensschwach ist und schlapp, einer,
dem die Power fehlt, einer der auf dem Rückzug ist, einer
der zu allem immer zu spät kommt - ein looser eben. Mit
anderen Worten - ein Alkoholiker war für mich einer, der
so ist, wie ich bin und genau deshalb wollte ich wenig-
stens in den Augen der anderen kein Alkoholiker sein.
Es ist im Grund nicht schwer zu verstehen: Solange ich mir
einbilde, daß nur ich selber über meinen Zustand Bescheid
weiß, ist er noch erträglich. Denn was ich weiß, ist nicht
gefährlich. Gefährlich ist, was die anderen wissen. Denn
die bestimmen letztendlich, wer und was ich bin. So war es
immer: Fanden mich die anderen gut, war ich gut, fan-
den sie mich schlapp, war ich schlapp, finden sie
jetzt, ich sei ein Alkoholiker, bin ich ein Alkoho-
liker.

Daß man derart von der Meinung der anderen abhängen kann
ist für einen "normalen" Menschen schwer zu verstehen.
Dabei ist dieser "Defekt" unter Alkoholikern weit ver-
breitet. Vielleicht hilft ein Vergleich: Ein gesunder
Mensch wird von innen heraus gehalten, sein Selbstgefühl
ist wie ein Skelett, das ihn stützt und trägt und formt.
Anders bei einem Alkoholiker. Der hat keine feste innere
Stütze, kein verankertes Selbstwertgefühl. Ein Alkoholiker
gleicht eher einem Käfer mit seinem Chitinpanzer: er wird
nur durch Äußeres gehalten, duch das Bild, das andere von
ihm haben und ihm zurückspiegeln. Verändert sich diese
Einschätzung plötzlich - oder erkennt man, daß sie anders
ist, als angenommen - fehlt mit einem Mal aller Halt. Es
stürzt das ganze Sein in sich zusammen. Das mag dramatisch
formuliert sein, aber es trifft den Kern.

Deshalb war es für mich in meiner ganzen Trinkerkarriere
immer lebenswichtig, nicht als Alkoholiker identifiziert
zu werden. Deshalb schwor ich selbst dann noch Stein und
Bein, daß alles in Ordnung sei, wenn man mich gerade beim
vollen Zug aus der Schnapspulle erwischt hatte. Deshalb
war für mich auch die erste Entgiftung so schrecklich:

Hier sah ich zum ersten Male meine Fassade bröckeln. Gut,
mir war schon vorher mehr oder weniger klar gewesen, daß
in meiner Umgebung bereits hie und da das Wort vom Alko-
holiker die Runde machte. Ich ahnte, daß man es immer
öfter gerochen hatte, ich ahnte, daß manchem mein bemüht
klares Sprechen auffiel. Aber ich hatte vor mir selbst
immer noch einen Trost: Solange dies nur Gemunkel war,
solange konnte man es durch korrektes und nüchternes
Verhalten Lügen strafen. Und nüchtern wirken, so glaubte
ich, würde ich selbst in reichlich angetrunkenem Zustand
noch können. Ich müßte mich nur zusammennehmen. Kurz: Das
Etikett "Alkoholiker" war schlimm, aber es war zu kaschie-
ren. Das hatte ich mir zumindest eingebildet. Jetzt, nach
der Einweisung war die Sache anders. Aus einer abstreit-
baren Unterstellung war eine Tatsache geworden, die Auf-
schrift "Alkoholiker" nicht mehr aufgeklebt, sondern ein-
tätowiert.

Klar, von außen betrachtet, stellt sich diese "Stigmat-
isierung" viel weniger dramatisch dar. Da ist der weitere
Abstieg nach der ersten Entziehung keineswegs vorprogram-
miert. Schließlich kriegt man in dieser Phase von seiner
Umwelt in der Regel noch einmal alle Chancen eingeräumt.
Das ändert bloß leider nichts daran, daß all die vorher
geschilderten Probleme in der subjektiven Wahrnehmung
trotzdem ganz real vorhanden bleiben. Weiter: Selbst wenn
es einem tatsächlich gelingt, sich und seine Existenz in
ein halbwegs stabiles, normales Leben zurückzuführen, ist
damit eben nicht alles in Ordnung: Jene, die scheinbar
Glück haben, weil Familie und Partner noch zu ihnen
halten, weil sie den Arbeitsplatz noch haben, weil ihr
Ansehen bei den Nachbarn noch nicht gänzlich weg ist,
merken bald, daß dieser Segen auch ein Fluch ist: Es ist
nicht so, daß so ein soziales Netz nur hält. Es fesselt
auch und schränkt ein: Nicht wenige haben schließlich aus
irgendwelchen Beziehungszwängen heraus angefangen, sich
nach einem Trostmittel umzusehen. Zum Beispiel weil ihnen
Verhaltensweisen abgefordert wurden, die sie ohne Krücke
nicht ableisten konnten, zum Beispiel weil sie Rollen
spielen mußten, die ihnen zu groß oder einfach zu fremd
waren. Das ist kein Witz, es ist auch keine billig
Ausflucht. Es ist Realiät, auch wenn sie selten erkannt
wird. Und genau in dieses Beziehungsgeflecht mit all
seinen alten Ansprüchen gerät man nach der Entziehung
wieder. Der einzige Unterschied ist der, daß eine weitere
Belastung hinzugekommen ist: Der innere Zwang, ständig
allen beweisen zu müssen, daß man wirklich trocken ist.
Genau deshalb klappt der Ausstieg nach der ersten Entzie-
hung auch nur ganz selten. In diesem frühen Stadium denkt
man noch, daß es reicht, wenn man mit eisernem Willen zu
trinken aufhört und ansonsten weiterlebt wie bisher. Nur
wer Glück hat, erkennt schon jetzt, daß es im Grunde nötig
wäre, die ganze Persönlichkeit umzukrempeln. Natürlich ist
das ein großes Wort, aber es wird nicht besser - und vor
allem nicht einfacher - wenn man versucht, die Sache ein
Stück tiefer zu hängen. Sicher: Strenggenommen geht es nur
darum, die alten, eingefahrenen Hohlwege früheren Verhal-
tens zu meiden, weil die einen früher oder später
zwangsläufig an einen Punkt bringen, an dem die Flasche
dann ganz nah ist. Wie das jedoch gehen soll, kann einem
kein Außenstehender sagen. Es gibt dafür kein Pa-
tentrezept. Sicher ist nur eines: Es ist um so schwerer,
um so enger man in mit seiner früheren Umwelt verwoben
bleibt. Hier hilft eigentlich nur die radikale Lösung:

totale Trennung. Weil die nach der ersten Entgiftung kaum
einer eingehen will, gehen die meisten zwangsweise den Weg
nach unten weiter.
Auf diesem Weg nach unten ändert sich allmählich die Ein-
stellung zur eigenen Krankheit. Das äußerst sich auch in
der Einstellung zu Krankenhaus und Entgiftung. Man lehnt
sich weniger dagegen auf, man hat sich mit der Zeit auch
mit seiner Existenz als Alkoholiker abgefunden. Wohlge-
merkt: es geht ums sich abfinden, nicht ums akzeptieren.
Sich abfinden ist keine Einstellung, die Veränderung
hervorbringt, alles was sie hervorbringt, ist Resignation:
Ich habe vorhin davon gesprochen, daß man mit dem Trinken
nach einer gewissen Zeit zwei Ziele verfolgt: Etwas zu
erreichen, und immer mehr, etwas zu vergessen. Spätestens
jetzt hat die Phase des "immer mehr" begonnen. Denn jetzt
fängt sich der Teufelskreis erst richtig an zu drehen: Je
mehr man säuft, desot schlechter geht es einem, je
schlechter es einem geht, desto dringender will man raus
aus seiner Säuferexistenz. Doch der einzige Ausweg den man
kennt, ist der des Suffs: Also säuft man noch mehr. Es ist
übrigens nicht so, daß man als Säufer diesen Mechanismus
nicht erkennen könnte. Es ist gerade das Brutale daran,
daß man sehr wohl erkennt, was abläuft. Auch deswegen
säuft man ja.

In dieser Situation kommt einem die Einlieferung manchmal
sogar wie ein Geschenk vor: Man ist endlich herausgerissen
aus der ewigen Spirale. Es wurde ein Schritt vollzogen,
den man allein, aus eigenem Entschluß nicht mehr zuwege
gebracht hätte. Wahrscheinlich versteht kein normaler
Mensch, warum man in dieser Lage nicht von selbst
aussteigt. "Es ist doch so einfach, warum kann man denn
nicht einfach aufhören?" Die Antwort ist ebenso banal wie
die Frage: Man kann sich als Alkoholiker schlichtweg nicht
vorstellen, wie es ein "Leben nach dem Alkohol" geben
soll.
Der Alkohol hat ja nicht nur seine Rolle als Stimulanz
oder Tröster. Er ist mehr als nur Hilfsmittel, mehr als
nur Krücke. Er ist ab einem gewissen Stadium der
Lebensinhalt selbst: Andere haben die Arbeit, haben eine
Beziehung, haben ein Hobby. Diese Dinge füllen das Leben
vielleicht nicht direkt mit Sinn, aber sie füllen es doch
wenigstens zeitmäßig aus. Der Alkoholiker hat den Alkohol
und mit ihm hat er makaberer weise mehr als die anderen.
Alkohol ist Zeit- und Sinnerfüllung zugleich: Es fordert
enormen Aufwand sein Alkoholiker-Dasein vor den anderen zu
verbergen, den Alkohol gegen die Kontrolle durch
Freunde/Partner/Nachbarn eitern zu besorgen, zu bunkern,
und zu konsumieren. Das fordert Kraft und es fordert
Kreativität. In der Tat ist es so, daß immer, wenn es mir
gelang, mich trotz aller Überwachung mit dem nötigen Stoff
zu versorgen, nicht nur Erleichterung überfiel, weil die
Entzugsymptome gleich beseitigt sein würden, sondern es
war für einen Moment auch ein Stück perverser intellek-
tueller Befriedigung und sogar eine Art Stolz dabei.
Dieses Gefühl kennt, glaube ich, jeder Alkoholiker: Man
ha^s den anderen gezeigt, man hat Leistung erbracht, hat
eine schwierige Aufgabe erfolgreich erledigt. Eine Aufgabe
noch dazu, die im eigenen Wertsystem ja gar nichts mora-
lisch minderwertiges hat, im Gegenteil. Für einen Alko-
holiker ist die Vorsorge mit Alkohol nichts anderes als
die Absicherung des täglichen Überlebens.

Der Alkohol ist somit Lebensinhalt - er beherrscht Denken,
Handeln und Unbewußtes total, alles andere wie Partner-
schaft, Familie, Beruf wird dem Alkohol untergeordnet, muß
ihm untergeordnet werden, weil es nur mit Alkohol über-
haupt noch stattfinden kann. Mitten in diesem Dasein, das
so sehr vom Alkohol bestimmt wird, kann man sich ein Leben
ohne Alkohol absolut nicht vorstellen, es erscheint einem
geradzu völlig unmöglich. Aufzuhören wäre ein Sprung wenn
schon nicht ins Bodenlose dann doch sicherlich ins
Ungewisse, und wie sollte den einer unternehmen können,
dem schon in seinen nüchternen Zeiten der Mut fürs
Ungewisse gefehlt hat?
Genau deshalb erschien mir die zwangsweise Einlieferung in
die Entgiftungsstation manchmal wie ein Geschenk: Endlich
war es nicht mehr ich der handeln mußte, endlich wurde ich
be-handelt. Ich fand hier sozusagen auf legitime Weise
das, was mir sonst nur der Alkohol bot:
Verantwortungs -Losigkeit
Aber dieses Gefühl der Sorgenfreiheit ist nicht von Dauer.
Spätestens nach drei Wochen, vier Wochen, kommt der
Entlassungstag. Die Gefühle, die man dabei hat, sind
durchaus zwiespältig. Es ist eine Mischung aus Freude und
Angst. Freude, weil man natürlich froh ist, wieder aus der
Psychatrie raus zu sein, sich wieder wieder frei bewegen
zu können. Angst, weil man keinen blassen Schimmer hat,
wie es draußen weitergehen soll. Die Angst wird um so
größer, je nüchterner man wird, je mehr das Handeln wieder
in eigene Verantwortung übergeht, beziehungsweise gehen
sollte: Der Brocken, den man vor sich sieht, ist gigan-
tisch. Vielleicht ist es ein schiefer Vergleich, aber man
fühlt sich nach der Entgiftung nicht viel anders als ein
Strafentlassener. Man hat keine Ahnung, wie man sich im
neuen Leben einrichten wird, man hofft nur, daß es schon
irgendwie weiter gehen wird.

Häufig bleibt es bei der Hoffnung. Wer die Klinik verläßt,
ist allein, so allein wie selten zuvor. Denn in der Regel
hat er nichts mehr: Draussen wartet ja selten eine
glückliche Freundin/ Freund, eine glückliche Familie. Man
kann ruhig alle subjektiven Ängste außen vorlassen und die
Situation ganz objektiv sehen - es ändert nichts: Draussen
warten auch im günstigsten Fall nur ein Haufen Trümmer:
eine zumindest angeknackste Beziehung, eine nicht mehr
hundertprozentig sichere Arbeit, ein ziemlich lädiertes
Ansehen.
All das war einem zwar schon in der Klinik mehr oder
weniger klar, aber jetzt wird es einem Punkt für Punkt mit
unbarmherziger Genauigkeit vor Augen geführt. Wie man sich
dabei fühlt, wird vielleicht mit einem Vergleich ver-
ständlicher. Es ergeht einem in dieser Situation nicht
viel anders als einem, der sein Gedächtnis verloren hat.
Dieser muß versuchen, sich Schritt für Schritt seine
Existenz wieder zu erarbeiten: Wer bin ich? Diese
Selbst-Erfahrung ist selbst dann schmerzhaft, wenn sich
keine Katastrophen sondern eine gutbürgerliche Existenz
auf tun: Auch hier gibt es noch genügend Schwachstellen.
Überhaupt ist es keine einfach Sache, wenn man seine ganze
Existenz mit all ihren Unzulänglichkeiten und Fehlern en
bloc vorgesetzt kriegt, und sich sagen muß; Da hilft
nichts, so ist es, das bist Du, das ist Dein Leben.
Dem Alkoholiker ergeht es nicht anders, nur daß das, was
ihn erwartet, schlimmer ist. Viel weiß ja auch er nicht
mehr von sich: Kaum, was alles war, in der letzten Phase
vor dem Zusammenbruch, kaum was er gemacht hat, und schon
gar nicht, wie ihn die anderen erlebt haben, was er ihnen
angetan hat.

Also tastet man sich von Kontaktperson zu Kontaktperson,
von der Partnerin zu den Freunden, von den Freunden zu den
Arbeitskollegen, von den Arbeitskollegen zu den Eltern,
von den Eltern zu den Nachbarn. In der Regel ist man mit
jedem Kontakt, mit jedem Gespräch um eine Hoffnung ärmer,
um eine Horrorgeschichte reicher. Es ist eine geballte
Wucht an Versagen und Fehlverhalten, an versäumten Chancen
und unwiederbringbaren Gelegenheiten, die man serviert
bekommt.
Da mögen die anderen auch rücksichtsvoll sein, und einem
alle Chancen einräumen wollen, man selber kommt sich vor,
als wäre man vom Regen in die Traufe geraten: In der Kli-
nik hatte man gedacht. Du hast viel angestellt, aber Du
hast auch viel gebüßt. Den Entzug empfand man als eine Art
große Läuterung, fast schon wie eine Wiedergeburt. Und als
Wiedergeborener wäre man gern empfangen worden: frisch,
rein, sauber, wert, mit offenen Armen aufgenommen zu
werden. Was stattdessen kommt, sind Probleme, ist Distanz,
ist Mißtrauen.
So was beutelt auch einen Gesunden, einen der mit sich im
Gleichgewicht ist. Völlig vernichtend aber ist es für
einen, der gerade versucht, sich in der Welt ohne Alkohol
zurechtzufinden. Es wäre die Welt ja ohne äußere Schwie-
rigkeiten schon voller Probleme: Es ist für die mit einem
Mal wieder nüchternen und damit geschärften Sinne alles
neu, alles fremd. Und dann kommt ja noch das stets
vorhandene Verlangen nach Alkohol hinzu. Der Griff zur
Flasche ist ja zur Reflexbewegung geworden, und tief ins
Unbewußte eingesunken. In diesem Zustand äußere
Belastungen durchzustehen ist für einen, der äußere
Belastungen immer nur "gedopt" durchstand, eine harte
Probe. Denn die Verzweiflung ist zweifach und sie ist
verschärft: Da ist zum einen die Erkenntnis über das
eigene Versagen, das doppelt schwer wiegt, weil es solange
verdrängt wurde, und da ist zum zweiten das Bewußtsein,
kein Heilmittel mehr gegen die Verzweiflung zu haben. Und
es ist ja nicht irgendein Heilmittel, das fehlt, es ist
genau jenes, das einem so sicher und so verläßlich über
alles hinweggeholfen hatte, daß man sich ein Leben ohne
nicht mehr vorstellen konnte: Man hat ja lieber alles
andere aufgegeben, als das wohlige Vergessen, das es
bietet und die wärmende Illusion, das alles so schlimm gar
nicht sei.

Ist es deshalb verwunderlich, daß die Zahl derer, die über
diese Phase hinwegkommen, nicht allzu groß ist?
Manche steigen ja auch schon viel früher aus. Für manche
reicht schon die bloße Angst vor dem Kommenden: Sie ist
schon bei der Entlassung so groß, daß sie es von der
Klinikpforte nicht einmal bis zum Bahnhof schaffen: Sie
versorgen sich vorher mit Stoff. Ich kenne das. Der
Alkohol gibt einem dann die Illusion, genügend Mut zu
haben, um es noch einmal zu probieren, er gibt einem für
kurze Zeit vielleicht sogar das Gefühl, es diesmal auch zu
schaffen.
Daß man da schon am Anfang gescheitert ist, weiß man im
Grunde. Aber man kann es verdrängen, sobald der Stoff
wirkt. Grausig schlimm ist nur jene Zeitspanne, bis es
soweit ist, bis der Rest von Vernunft, der einem geblieben
ist und einen davon abhalten will, endlich weggeschwemmt
ist.
Diese Minuten sind schrecklich: man geht an den Kiosk und
in einem sagt es, "tu^s nicht", man ordert die Flasche,
und in einem sagt es, "noch kannst du sie umtauschen in
ein Cola", man kriegt sie über den Tresen geschoben, und
denkt "du könntest sie einfach stehen lassen", man zieht
sich in irgendein Eck zurück, schraubt den Flachmann auf
und in einem schreit es, "sei jetzt und einmal stark und
schütt es einfach aus". Es schreit so laut, daß der Druck
kaum auszuhalten ist, und deswegen kippt man das Ganze in
einem Zug, damit der Zwiespalt aufhört, damit man nicht
mehr zurückkann.

Ist der Stoff erst mal unten, setzt, so kurz nach der Ent-
giftung, fast schlagartig die Wirkung ein. Fünf Minuten,
höchstens zehn, und ich hatte alles wieder im Griff, war
die Welt wieder in Ordnung. Den Rest von Vernunft, der
mich eben noch abzuhalten versuchte, halte ich nunmehr für
Hysterie, und das eben vollzogene Scheitern interpretiere
ich kurzerhand als Neuanfang: Ich bin ja entgiftet, und
dieser eine Flachmann, diese eine Flasche Bier macht ja
nicht gleich wieder körperlich abhängig. Es ist ja nur so
eine Art "Anschubfinanzierung" für die Zukunft, um neuen
Schung zu holen. Und weil man viel Schwung braucht, und so
kurz nach der Entgiftung ja eigentlich auch zwei Flach-
männer noch nicht körperlich abhängig machen, besorgt man
sich noch einen anderen...
Dabei ist man, solange man so denkt, noch gar nicht ganz
am Ende. Da gibt es dann die anderen, bei denen die
Verzweiflung über das permanent wiederholte Scheitern
tatsächlich schon so groß ist, daß der Alkohol definitiv
keine positiven Gefühle, keine Hochstimmung, keinen
Optimismus mehr erzeugen kann und auch gar nicht soll: Er
soll nur noch ertränken.
Jemanden, der so denkt, stellt man sich unwillkürlich als
Penner vor. Einen, dem man das ganz unten wirklich
ansieht. Doch ist das die falsche Vorstellung. Um so zu
denken, zu fühlen, kann man für Außenstehende durchwegs
noch im sozialen Netz integriert sein. Gut: da ist keine
Partnerin, kein Partner mehr, aber, wenn er/sie nicht mehr
trinkt, wird er/sie schon irgendwann einmal wieder jemand
finden, gut, das ist der Job seit langem weg, aber wenn
er/sie hart bleibt, ist da immer wieder was zu kriegen.
Nicht den Fähigkeiten entsprechend, schon gar nicht dem,
was man früher gemacht hat, aber doch zumindest eine
Beschäftigung. Als Alkoholiker kann man darüber nur
lachen. Nur wer in dieser Existenz drin steckt, kann
mitempfinden, daß man als Alkoholiker ab einer gewissen
Wegmarke den Pfad seines Scheiterns bis zum definitiven
Untergang nicht mehr nur dumpf erahnt, sondern klar
vorhersieht: Man weiß, wenn einem nicht Umstände von
außen, wenn einem nicht nach der Klinik noch irgend jemand
hilft, wird man diesen Hohlweg nach unten nicht mehr
verlassen können: alleine ist es nicht zu schaffen. Weil
aber niemand und nichts da ist, das einem helfen würde und
dessen Hilfe man annähme, ist das der Punkt, ab dem man im
Alkohol nie mehr Euphorie, sondern nur noch Vergessen
sucht und finden wird..

Bleibt die Frage, wo ich persönlich die Kriterien für
Erfolg oder Nicht-Erfolg der Entziehungskurzen sehe. Ich
denke, die Entscheidung liegt weniger an dem, was einem an
theoretischem Wissen vermittelt oder nicht vermittelt wird
die Entscheidung liegt ganz banal in der Länge des
Aufenthaltes. Nur wenn einen eine Entziehungkur durch ihre
Länge völlig aus dem bisherigen Leben herausreißt, ist ein
Neuanfang statt eines bloßen Wiedereinstiegs gefordert.
Nur ein Neuanfang bietet aber die Chance, manche Fehler zu
vermeiden. Vielleicht ist auch hier ein Bild am
hilfreichsten: Dem Alkoholiker geht es wie einem, der im
Winter im Schnee steckenbleibt. Es ist schön, wenn Hilfe
kommt, und ihn ausgräbt. Er wird auch wieder ein Stück
weiterfahren können, vielleicht sogar schnell, mit einem
immer stärker werdenden Gefühl der Sicherheit. Was nichts
daran ändert, daß es bei der nächsten Schneewehe wieder
vorbei ist: Es geht noch ein paar Meter, das Tempo wird
langsamer, die Fortbewegung mühsamer und dann steckt man
wieder fest. Sicher, es mag wieder eine Chance geben,
wieder einer kommen, der einen ausgräbt, aber eine echte
Chance gäben nur Winterreifen. Doch wo soll man diese
Ausrüstung, dieses Rüstzeug unterwegs hernehmen? Also
bleibt einem nichts anderes, so hart es ist, als aufhören
zu fahren, auf die gewohnte Fortbewegung zu verzichten und
auf das Frühjahr zu warten, auf jenen radikalen Wechsel
der Bedingungen den nur die Zeit bringt.



Seit Juni 1981 trocken!


2 Mitglieder finden das Top!
paula Offline



Beiträge: 2.202

12.10.2007 10:47
#2 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Da bleibt mir nur eines zu sagen:

Herzlich willkommen, kapoen
Danke für Deine Reflexionen
und Respekt vor Deiner langen Trockenheit

Liebe Grüße
Paula

"Lass' Dir aus dem Wasser helfen oder Du wirst ertrinken",
sprach der freundliche Affe und setzte den Fisch sicher auf einen Baum.

Japanisches Sprichwort


Friesenvolker Offline




Beiträge: 2.907

12.10.2007 10:48
#3 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Hallo kapoen,

ein sehr schöner Bericht, wenn Du statt "man" das Wort "ich" gebraucht hättest, fände ich ihn runder, stimmiger. Das schmälert aber die Aussagen nicht. Hast Dir auch Mühe gegeben, und ich finde mich in vielen Darstellungen wieder. Werd' den Bericht aber am Wochenende mit etwas mehr Zeit nochmal langsam durchlesen.

Eins macht mich ein bißchen nachdenklich, wenn Du 1960 geboren und seit 1981 trocken bist, dann hast Du mit 21 Jahren aufgehört und rein rechnerisch einen Zeitraum von 6 - 7 Jahren zum Saufen zur Verfüghung gehabt, vielleicht'n Jahr mehr. All' dieses Dargestellte in diesen Jahren erlebt zu haben, alle Achtung ... da haste ja schon eine recht bewegte Biografie.

Biste engagiert in SHG's? Was machste sonst so?

LG
Fv

PS Natürlich auch von mir ein herzliches Willkommen hier an Board!

Ein Zuviel an Intellekt ist durchaus geeignet, die Freude am Leben zu trüben.


grüne fee Offline



Beiträge: 2.384

12.10.2007 10:56
#4 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

kapoen und willkommen,

danke für deine einsichten und die offenheit.
ich werde diesen text mit muße noch einmal lesen.

liebe grüße sabine

there are things known
and there are things unknown.
in between there are doors. william blake


eventually, everything connects. charles eames


kapoen Offline




Beiträge: 218

12.10.2007 11:07
#5 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Zitat
Gepostet von grüne fee
kapoen und willkommen,

danke für deine einsichten und die offenheit.
ich werde diesen text mit muße noch einmal lesen.

liebe grüße sabine




Danke an alle für die herzlichen Willkommensgrüßen


Nur zum Verständnis noch. Ich habe meine Trinkkariere schon im Alter von 13 angefangen. Mit 17 meine erste "Langzeittherapie" , die ich jedoch nach 6 Wochen abbrach. Schließlich Juni 1981 meine dritte Langzeittherapie (ein Jahr lang), die ich mit wenig gute Prognosen zu Ende brachte. Anschließend auf zweitem Bildungsweg in fünf Jahren zum Abitur, dann Studium der Soziologie mit Erfolg abgeschlossen 1993. Seit Jahern kein Kontakt oder Engagment in Selbshilfegruppen oder Ähnlichem.

LG
kapoen


fitti Offline




Beiträge: 2.444

12.10.2007 11:19
#6 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Zitat
Gepostet von kapoen

Zitat
Gepostet von grüne fee
kapoen und willkommen,

danke für deine einsichten und die offenheit.
ich werde diesen text mit muße noch einmal lesen.

liebe grüße sabine




Danke an alle für die herzlichen Willkommensgrüßen


Nur zum Verständnis noch. Ich habe meine Trinkkariere schon im Alter von 13 angefangen. Mit 17 meine erste "Langzeittherapie" , die ich jedoch nach 6 Wochen abbrach. Schließlich Juni 1981 meine dritte Langzeittherapie (ein Jahr lang), die ich mit wenig gute Prognosen zu Ende brachte. Anschließend auf zweitem Bildungsweg in fünf Jahren zum Abitur, dann Studium der Soziologie mit Erfolg abgeschlossen 1993. Seit Jahern kein Kontakt oder Engagment in Selbshilfegruppen oder Ähnlichem.

LG
kapoen





kann ich nur sagen willkommen und hochachtung zu dieser kariere .

LG FITTI

Liebe Grüße Friedhelm:Ich bin ein Mensch und nicht der Alkoholiker:gut:
:grins2:und schreibfehler bei eby versteigern:sly:


Friesenvolker Offline




Beiträge: 2.907

12.10.2007 11:21
#7 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

@kapoen



LG
Fv

Ein Zuviel an Intellekt ist durchaus geeignet, die Freude am Leben zu trüben.


Juma63 Offline




Beiträge: 2.638

12.10.2007 13:50
#8 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Herzlich kapoen!

Deine Geschichte ist wunderbar zu lesen und hat mich auf eine emotionale Reise mitgenommen.

Du beschreibst die Entwicklung sehr gut, was mich jedoch ein wenig stört, ist, das deine Formulierungen teilweise den Eindruck erwecken, als hätten sie allgemeine Gültigkeit. Unterstützt wird dieses Empfinden noch durch den Gebrauch des Wortes "man".

Aber trotzdem, super erzählt und mit Sicherheit trifft es auch auf viele Alkoholiker zu.

Ich hoffe, ich kann noch mehr von dir lesen.

Lieben Gruß,

Sabine (Juma)

Liebe bedeutet, jemanden zu haben, der unsere Vergangenheit versteht, an unsere Zukunft glaubt und uns heute so annimmt wie wir sind. :love3:




Komm auf die Hufe, die ersten Hände, die helfen können, stecken in den eigenen Hosentaschen! Zitat Nonick


zai-feh ( gelöscht )
Beiträge:

12.10.2007 17:35
#9 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Hallo kapoen,

einiges an Deiner Geschichte - vor allem die Altersstruktur (ab 14 zu viel Alkohol getrunken, ab 16 Alkoholmissbrauch, ab 18 klare Alkoholabhängigkeit, ab 20 körperliche Abhängigkeit, Trockenheit mit 21 Jahren/1983) kommt mir bekannt vor, anderes kenne ich nicht beispielsweise keine klnische Entgiftung oder LZTs. Auch wurde mir der Mist nicht wirklich vorgehalten - oder ich kann mich nicht erinnern. Aber ich wurde nach meinem Entschluss aufzuhören, mit offenen und unterstützenden Armen empfangen - allerdings habe ich vorher auch nie "ernst" gemacht.

Was mich jetzt eigentich mehr interessiert: Was lässt Dich aktuell hier aufschlagen?

Ich bin hier Anfang des Jahres aufgeschlagen. Ich besuche auch keine Gruppe - und ich war in einer Lebenskrise. Das hat mich dazu geführt, Kontakt zu "meinesgleichen" zu suchen. Und da ich mit Gruppen Probleme habe, war mir das Internet und speziell dieses Forum ein sehr entgegenkommendens Angebot. Was ist bei Dir der Grund?

Liebe Grüße
Suse


kapoen Offline




Beiträge: 218

12.10.2007 19:25
#10 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Zitat
Gepostet von zai-feh
Hallo kapoen,

einiges an Deiner Geschichte - vor allem die Altersstruktur (ab 14 zu viel Alkohol getrunken, ab 16 Alkoholmissbrauch, ab 18 klare Alkoholabhängigkeit, ab 20 körperliche Abhängigkeit, Trockenheit mit 21 Jahren/1983) kommt mir bekannt vor, anderes kenne ich nicht beispielsweise keine klnische Entgiftung oder LZTs. Auch wurde mir der Mist nicht wirklich vorgehalten - oder ich kann mich nicht erinnern. Aber ich wurde nach meinem Entschluss aufzuhören, mit offenen und unterstützenden Armen empfangen - allerdings habe ich vorher auch nie "ernst" gemacht.

Was mich jetzt eigentich mehr interessiert: Was lässt Dich aktuell hier aufschlagen?

Ich bin hier Anfang des Jahres aufgeschlagen. Ich besuche auch keine Gruppe - und ich war in einer Lebenskrise. Das hat mich dazu geführt, Kontakt zu "meinesgleichen" zu suchen. Und da ich mit Gruppen Probleme habe, war mir das Internet und speziell dieses Forum ein sehr entgegenkommendens Angebot. Was ist bei Dir der Grund?

Liebe Grüße
Suse








Hallo Suse,

Danke der Nachfrage, allerdings hat mich Deiner Frage zunächst erstaunt. Erstaunt deswegen, weil ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht habe, was ich in diesem Forum zu finden hoffe. Je mehr ich über Deine Frage nachgedacht habe, umso mehr ist meine erste Annahme, nämlich das ich ganz zufällig dieses Forum bzw. die Rubrik "eigene Geschichte" entdeckt habe, warscheinlich wohl doch nicht so zufällig.

Ich bin ja schon seit mehr als 26 jahre absolut trocken oder clean, der Ausdruck clean, deswegen weil neben meiner Hauptsucht "Alkohol" ich garde in den letzten Jahren meiner Karriere auch enorme Menge an Tabletten oder auch illigale Drogen eingenommen habe. Bis hin zum gelegentlich Heroin/Kokain Gebrauch.

das hat sich damals alles in Düsseldorf abgespielt, meine letzte Langzeittherapie war entgegen in München, und ich bin auch nie mehr -außer Kurzbesuche bei der Familie - zurückgehehrt dorthin.


Jedenfalls war das alles enorm schwer die ersten Jahren, ich war so kaputt die letzetn Suchtjahren, das jeder gedacht hat ich würde wohl daran sterben. Zum Teil war ich schon richtig
Obdachlos, von Arbeit ganz zu schweigen, zuaalerletzt habe ich mich nur noch von kriminellen Handlungen (Einbrüche, Diebstahl, etc ...) am Leben gehalten. Aber auch Psychisch habe ich damals kaum noch "funktioniert" zunehmende Wahn- Verfolgungswahvorstellungen machten sich im meinem Leben breit. So das mir der Enstchluss zu meiner dritten Langzeitherapie in gewisser Weise leicht viel. Ich hatte nämlich nur noch die wahl zwischen endlich aufhören mit dem Ganzen oder aber Einweisung in die Psychiatrie, oder im Knast oder ein Leben auf der Strasse.

Du kannst mir glauben, das die ersten Jahren absolut schwierig waren. Selbst in der Therapie habe ich mich verhältnismäßig schwer getan, die Prognos nach einem Jahr waren dann auch wenig optimistisch, keiner von dem team dachte, das ich es schaffen würde.

Schwer genug wars ja auch, und das einzige,was mich mich über die ersten Jahren retete war der bloße Umstand , das ich jederzeit genau gewußt habe, bei einem rückfall innerhalb weniger Monate wohl daran zu sterben, also der letztendlich der reine nackte Überlebenswille.

Was darüber hinaus auch stets eine wichtige Stütze war, ist das Gefühl trotzdem Ziele und Perspektiven zu haben. wars es am anfang die Schule, wars es später das Studium und danach die Integration in die Arbeitswelt.

Vielleicht ist es das, was mich im Moment fehlt bzw. was ich suche, und was mich etwas ratlos macht. Im Moment bin ich wohlauch in einer etwas krisenhafte Umorientierungsphase. Die arbeit - obwohl recht gut bezahlt erscheint mir etas sinnlos, und da ich es nie geschafft habe längere Beziehungen aufrechtzuerhalten - Noch heute zutage halte ich Menschen nicht wirklich gut lange aus - habe ich entsprechend auch keine Familie. Deswegen wohl bin ich auf der Suche nach neuem Lebenssinn, und im Fahrwasser dieser Suche hats es mich wohl hierhin verschlagen.

Das war meine Antword auf Deiner Frage .

PS: deutsch ist nicht meine Muttersprache, sag ich nur, damit es nicht zu mißverständnisse kommt, wegen meiner sicherlich gehäuften rechtschreibfehlern.


LG
an Alle und ein schöner Abend noch.
kapoen


Juma63 Offline




Beiträge: 2.638

12.10.2007 19:50
#11 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Hallo kapoen!

Zitat
PS: deutsch ist nicht meine Muttersprache, sag ich nur, damit es nicht zu mißverständnisse kommt, wegen meiner sicherlich gehäuften rechtschreibfehlern.



Danke für den Hinweis. Ich war schon etwas erstaunt,da dein erster Post fast fehlerfrei war, im Gegenteil zu dem jetzigen.

Hast du den Inhalt deines ersten Posts mal woanders geschrieben, vielleicht für eine Zeitung, oder Ähnliches und dann hier hinein kopiert??

Na ja, ist eigentlich nicht wichtig. Bin nur neugierig

Dir auch einen schönen Abend,

Sabine

Liebe bedeutet, jemanden zu haben, der unsere Vergangenheit versteht, an unsere Zukunft glaubt und uns heute so annimmt wie wir sind. :love3:




Komm auf die Hufe, die ersten Hände, die helfen können, stecken in den eigenen Hosentaschen! Zitat Nonick


zai-feh ( gelöscht )
Beiträge:

12.10.2007 19:51
#12 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Mein Kompliment, wenn Deutsch nicht Deine Muttersprache ist.

Ich mache selber genug (Tip/Flüchtigkeits)Fehler, dass ich eher nicht auf die Idee käme, dass ein paar Fehler (so sie mir überhaupt aufgefallen wären) was anderes als Tipfehler sind. Außerdem kommt es auf den Inhalt an.

Das mit Menschen nicht (lange) aushalten kann ich Dir gut nachfühlen. Das geht mir ähnlich. Allerdings habe ich zwei Kinder, insofern habe ich Bindungen. Aber ich habe auch keine funktionierende Beziehungen gehabt. Und mit der Arbeit *lach* vorgestern beim Therapeuten habe ich mich (mal wieder) beklagt, wie sinnentleert meine Arbeit ist. Aber ich muss halt uns ernähren und eine andere Idee habe ich halt auch nicht.

Internet und Foren sind wohl gut für Menschen, die sich mit direktem Kontakt schwer tun. Und ich glaube, dieses Forum hat für jedes "Tierchen" Platz.

In diesem Sinne: Willkommen hier.
Liebe Grüße
Suse

[ Editiert von zai-feh am 12.10.07 19:52 ]


Friesenvolker Offline




Beiträge: 2.907

12.10.2007 20:06
#13 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Zitat
zai feh:"...dieses Forum hat für jedes "Tierchen" Platz."



der Ausdruck "Tierchen" irritiert mich etwas, wie meinst Du das?

LG
Fv

Ein Zuviel an Intellekt ist durchaus geeignet, die Freude am Leben zu trüben.


zai-feh ( gelöscht )
Beiträge:

12.10.2007 20:16
#14 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Ableitung von "Jedem Tierchen sein Pläsierchen!"

So wird bisweilen "Tierchen" umgangssprachlich auch alleine verwendet. Deswegen hatte ich es in Anführungszeichen gesetzt.


Dirk-N Offline



Beiträge: 88

12.10.2007 21:14
#15 RE: Mein Werdegang zum Alkohiliker - Reflexionen antworten

Hi kapoen,

ich habe mich in vielen Punkten Deiner Geschichte wiedergefunden. Habe auch sehr früh mit dem Alkohol angefangen. Bin schon nach der Schule auf einen halben Liter gegangen, bevor ich nach Hause gefahren bin. Mit 18 mußte ich zur Armee, da hatte ich dann die ersten alkoholfreien Tage seit Jahren. Wenn ich dann aber an Alkohol kam, dann war aber auch alles zu spät.

Danach habe ich noch ca 15 Jahre mein Leben nach unten gesoffen. Dein Erlebtes könnte auch meins sein. Letztendlich brauchte ich auch zwei Therapien (einmal nach 8 Wochen wegen Rückfall rausgeflogen, dann nocheinmal ein halbes Jahr in der gleichen Klinik) und den regelmäßigen Besuch bei den AA um trocken zu werden und zu bleiben.

Allerdings glaube ich nicht, daß eine Langzeittherapie nun unbedingt notwendig ist. Ich kenne viele trockene Alkoholiker die solche Einrichtungen nicht als Patienten erlebt haben, die auch sehr lange trocken sind. Mir hat es sehr geholfen und ich kann mir heute auch nicht vorstellen, daß ich das alles ohne diese Käseglocke nüchtern überstanden hätte. Dazu kam ja viel zu viel auf mich zu. Denn mich selber kennen zu lernen war ja das größte Problem an der ganzen Sache. Mein Gott hatte ich Vorstellungen von mir und meinem bisherigen Leben.

Also dann noch viele trockene 24 Stunden

Dirk

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