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Saufnix
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Dieses Thema hat 97 Antworten
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 Akute Hilfe
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beed Offline




Beiträge: 882

28.11.2004 13:54
RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Hallo Zusammen!

Diesen Thread widme ich meinem Schwiegervater, der am Donnerstag tot aufgefunden wurde.

Wir hatten nie ein besonders gutes Verhältnis und ich konnte mir auch nie recht erklären, wo das kalte, distanzierte Verhältnis zu meinen Schwiegereltern gründete.
Jetzt, wo es zu spät ist... Zu spät, um über die ganzen Probleme zu sprechen und sich das zu sagen, was man im Herzen fühlte, aber durch Stolz, Ignoranz und Sturheit niemals Schwäche zeigen wollend in sich vergrub, wird nun unausgesprochen, ja mit fast leichtfüßiger Lockerheit für immer in den Tiefen der Seele ein- und zugemauert.

Wir erfuhren Freitag Abend, dass Vater bereits seit 2 Wochen verschwunden war, was schon oft vorgekommen ist und er dann meist im Garten oder sonstwo ein paar Tage lang hemmungslos und bis zur Besinnungslosigkeit dem Alkohol zugesprach, und nun in einem Kleingartengrundstück tot aufgefunden wurde - 2 leere Flaschen Whiskey neben sich...

Das scheinbar jähe, aber in Wirklichkeit langwierige Ende eines Menschen, der mit sich und dem, was er dachte, dass es die anderen von ihm erwarten, schon seit Jahren nicht mehr klar kam und das unter dem Mantel der Biedermannfassade weggeschwiegen wurde, macht mich erschüttert und wütend zugleich.

Auch jetzt noch liegt dieses Schweigen, das gelegentlich von künstlich erzwungenem Smalltalk durchbrochen wird, wie ein unheimlicher Geist über Allem.

Mutter haben wir gleich am Freitag Abend zu uns geholt - eine Frau, so stolz und ehrgeizig, zwischen überspielter Fassungslosigkeit und genau solcher Leere und Scham und dem sich trotzdem eisern diszipliniert gebenden Menschen, der sie nun mal ist - damit sie nicht allein mit ihrem Schmerz und der Trauer über einen lieben Menschen ist, der alles gegeben und nichts verlangt hat und letztlich daran zerbrach.

Keine Vorwürfe... Kein Bröckeln an der Fassade... Kein in den Arm nehmen... Kein Wort des Empfindens oder der unbeschreiblichen Leere...

Was tun sich Menschen an, um einem selbstgeschaffenen Bild ihrerselbst zu entsprechen?

Ich kenne diese Leere.
Ich begrub mein Baby in einem kleinen Holzsarg und dachte, dass meine Tränen nie mehr versiegen werden und diese Bilder für immer in meine Seele gebrannt sein werden, so dass ich nie wieder froh sein könnte...
Die Zeit lehrt, dass Wunden heilen - eine tiefe Furche im Herz ist aber geblieben. Sie macht mich etwas immuner und hat auch einen Teil meiner Gefühlswelt vernichtet.

Der Alkohol beendete die Unerträglichkeit des Seins, den Wunsch zu vergessen und die gefühlte Überflüssigkeit auf dieser Welt.
Er kann alles bewirken, aber nie etwas Gutes!

Danke fürs Lesen!

LG
beed


Bobby ( gelöscht )
Beiträge:

28.11.2004 15:06
#2 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Danke für Deinen Beitrag. Bobby


Katrine Offline




Beiträge: 31

28.11.2004 18:26
#3 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Zitat
Gepostet von beed

Der Alkohol beendete die Unerträglichkeit des Seins, den Wunsch zu vergessen und die gefühlte Überflüssigkeit auf dieser Welt.
Er kann alles bewirken, aber nie etwas Gutes!




Du sprichst mir mit diesem Satz sosehr aus der Seele! Ich kann Dein Leid verstehen, denn ich habe am Freitag (26.11.04) meinen über alles geliebten Bruder verloren! Er war Alkoholiker!


Winkelbube ( gelöscht )
Beiträge:

28.11.2004 18:41
#4 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Ein sehr tief eindringender Beitrag.
Auch ich sage: Danke beed.

@Katrine, auch Deine Trauer um den Tod
Deines Bruders ist mir nicht entgangen,
mich machte das leider immer wortlos.
Meine Gedanken waren trotzdem bei Dir.

[ Editiert von Winkelbube am 28.11.04 20:14 ]


beed Offline




Beiträge: 882

28.11.2004 19:06
#5 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Hallo Katrine,

es tut mir leid für Dich, dass Du Deinen Bruder verloren hast.
Ich hoffe nur, es gab nichts Unausgesprochenes zwischen Euch und gibt keine Schuldzuweisungen im nachhinein.

@All,

ich bin zwar nicht ganz sicher, ob ich nun dieses Board zum seelischen Mülleimer gemacht habe, aber ich möchte es als Aufschrei für die verstanden wissen, die noch uneins mit sich sind, ob ihnen Alkohol nun schadet oder nicht.

Es mag viele andere Dinge geben, die einen Menschen zerstören können, wo auch keiner was merkt...

Aber wenn wir nur ein bisschen aufmerksamer sind und die Menschen als das sehen, was sie sind, Wesen mit Gefühlen, die verletzbar sind und die Wunden in sich tragen können, die sie vor allen verbergen und die sie niemals offenbaren würden, dann gibt es vielleicht manchmal auch ein wenig Hoffnung, dass wir den einen oder anderen vom Abgrund wegziehen können.

In diesem Sinne
LG
beed


annilein Offline




Beiträge: 4.212

29.11.2004 07:48
#6 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Hallo beed,

dein Beitrag hat mich sehr betroffen und nachdenklich gemacht.

Wir erwarten täglich die Nachricht, das es mit meinem Schwager zu Ende geht, er ist Alkohol- und Medikamentenabhängig. Wir haben alles versucht, ihn irgendwie vom Abgrund wegzuziehen. Doch leider umsonst !!

Mal denken wir, hoffentlich hat sein Leiden bald ein Ende, mal kommen einem Gedanken, haben wir alles getan ??

Es ist schrecklich, zusehen zu müssen, wie ein Mensch zu Grunde geht, sich nicht helfen lassen will.


annilein


Gast ( gelöscht )
Beiträge:

29.11.2004 07:56
#7 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

hallo beed,

Dein Beitrag hat mich ganz tief angerührt - wegen des Schicksals Deines Schwiegervaters, Deiner Fähigkeit, die dahinterstehende Situation so knapp und doch treffend zu analysieren und auch zu beschreiben und wegen der Menschlichkeit die aus Deinen Worten spricht, obwohl Du kein so gutes Verhältnis zu ihm hattest.

Mir scheint, dass Du vielleicht sogar trotzdem das meiste Gespür für ihn hattest.

alles Liebe!
mohnfeld


Depri Offline



Beiträge: 1.848

29.11.2004 10:06
#8 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Hallo Beed,

auch ich begrub mein Baby in einem kleinen weissen Holzsarg und dachte, dass die Tränen nie mehr versiegen würden. Statt dessen begann ich zu Trinken.

Alles Liebe von Depri


waldschrat1 Offline



Beiträge: 736

29.11.2004 11:53
#9 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Hallo beed,

Das sind Worte, die von so tiefem Mitgefühl zeugen, das du für Menschen empfindest, die sich dir eigentlich gar nicht zugewandt haben, dass ich nur sagen kann:

Danke, beed, du bist ein Mensch zu dem man Vertrauen haben kann, denn hinter deinen Aussagen steht immer Verantwortung und Mitgefühl. Ich möchte an deiner Seite stehen, mit dir trösten und kämpfen.


BellaT Offline




Beiträge: 96

29.11.2004 16:30
#10 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Hallo Beed,

Dein Beitrag hat mich wirklich sehr berührt. Ja, ich hoffe auch, daß es uns gelingt, den einen oder anderen vom Abgrund wegzuziehen.

Das Tragische dabei ist, daß es so ungeheuer weh tut, wenn man die Hand ausstreckt, aber der Gegenüber diese rettende Hand einfach nicht ergreifen will. Man streckt sich, macht sich lang und länger um möglichst dicht an den Abgrund, vor dem der Gegenüber steht, heranzukommen. Aber er ergreift sie einfach nicht...

Andererseits gibt es so viele Menschen, die jede helfende Hand mit großer Dankbarkeit ergreifen, denen diese Hand aber nicht mehr helfen kann, weil der Abgrund einfach schon zu nah gekommen ist.

Das sind die lieben Mitmenschen, von denen wir uns verabschieden müssen, um die wir trauern, deren Verlust Furchen in unseren Herzen hinterläßt.

Ich habe bisher beide Situationen erleben müssen und diese Erfahrungen haben mich geprägt. Man möchte den Gegenüber an sich ziehen, doch man kann seine Arme nicht bewegen. Man möchte dem anderen eine Warnung zurufen, doch die Stimme versagt. Man hält den Anderen ganz fest, aber die Kräfte reichen nicht aus, er fällt trotzdem...

Hier muß jeder für sich auf seine ganz eigene Art Trauerarbeit leisten.

Beed, ich denke auch, daß wir uns bemühen sollten, den Abgrund schon viel früher zu erkennen. Nicht erst, wenn der Gegenüber schon einen Schritt davorsteht.

Also Leute, geht mit offenen Augen durch die Welt. Und wenn es nur mal eine halbe Stunde ist, die Ihr erübrigt für einen einsamen, kranken oder traurigen Menschen - vielleicht habt Ihr gerade dann diesen Menschen davor bewahrt, einen weiteren Schritt auf den Abgrund zuzugehen. Oder Ihr habt ihm den unvermeidlichen Schritt vielleicht ein wenig erleichtert.

Alles Liebe
BellaT


beed Offline




Beiträge: 882

29.11.2004 18:34
#11 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

@All,

nochmal Danke allen, die hier lesen und mitfühlen.
Viele von uns haben schon leidvolle Erfahrungen und schmerzhafte Verluste als dicke Kerben im Baum ihres Lebens eingeschlagen bekommen und haben immer versucht, sich nachher wieder aufzurappeln, selbst wenn das Mitgefühl nur in Parolen, wie 'Das Leben geht weiter' oder 'Mit der Zeit wird das schon', bestand.
______________________________________________

@annilein,

es ist schlimm, wenn man schon das Ende sieht und es so unausweichlich auf einen nahestehenden Menschen zukommt.
Eure Zweifel kann ich verstehen - man glaubt nie, alles getan zu haben, wenn es letztlich doch nichts geholfen hat.

Ob und wie stark ein Mensch leidet, ist immer schwer nachzuempfinden und es ist umso schwerer, wenn man hilflos danebenstehen muss.

Ich hoffe für Euch und Deinen Schwager, dass Euch das Leben keiner allzu schweren und leidvollen Prüfung unterzieht.

_____________________________________________

@Mohnfeld,

das hast Du schön gesagt - ich wünschte, ich hätte eher hinter die Fassade blicken können.

Aber selbst wenn, ich hätte sie nie durchbrechen können...

______________________________________________

@Depri,

wenn einem etwas aus dem Herz gerissen wird, was so innig mit ihm verwachsen ist, dann ist der Schmerz nicht mehr zu ertragen... Ich kann verstehen, dass Du ein wenig innere Distanz durch den Alkohol suchtest, das ging mir ähnlich.
Einen Gefallen habe ich letztlich aber niemand damit getan, mir am allerwenigsten.

In Situationen, wo wir uns einfach ausklinken wollen oder die Zeit zurückdrehen möchten und sich uns kein Weg auftut, ist der Alkohol das einfachste und wirksamste Mittel, um den Moment nicht ertragen zu müssen - in all seiner rauhen Härte.
Wie stark müssen wir noch werden, um ähnlichem in Zukunft ohne zu begegnen?

_______________________________________________

@Waldschrat,

..."Ich möchte an deiner Seite stehen, mit dir trösten und kämpfen."

Waldschrat, ich habe selten einen Satz gelesen, der mich so tief berührt hat, wie oben zitierter.

Danke

________________________________________________

@BellaT,

Du hast Recht, nicht immer muss es eine Rettung vor drohender Gefahr sein, die uns bewegen sollte, auf Menschen zuzugehen. Manchmal ist es auch nur der Beistand und das Wissen, dass jemand nicht allein ist, welchen Weg auch immer er gehen wird.

Aber was nützt die gute Absicht, wenn wir manchmal nicht mal in uns selbst schauen und erkennen können.


Liebe Grüße
beed


Bettina Offline



Beiträge: 277

29.11.2004 20:09
#12 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

Hallo beed,
was du da geschrieben hast finde ich sehr berührend.

Auch ich habe mal ein Schwiegerpapa gehabt,
der aber schon 1987 gestorben ist.
Er war Alkoholiker.
Ich habe ihn damals gehasst, weil er nur meckerte und unangenehm aufgefallen ist!
Er ist an den Folgen des jahrelangens Alkoholkonsums gestorben.
Als am Grabe meines Schwiegervaters meine Schwiegermutter mir sagte : " Gott sei dank das " Schwein ist tot "
war ich sehr erschüttert.
Was hat er die Familie tyrannisiert,blöde Sprüche d´rauf gehabt,unsere Hochzeit versaut, und vieles mehr.
Heute wo ich selbst so ein Problem habe, verzeihe ich ihm.


Das macht mich sehr nachdenklich.
Im Grunde genommen war er immer ein lieber Mensch dem nur nie einer zuhörte

LG Bettina

[ Editiert von Bettina am 29.11.04 20:16 ]


Gast ( gelöscht )
Beiträge:

30.11.2004 10:20
#13 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

hallo beed,

noch ein Gedankensplitter:

so traurig es ist, wenn ein Mensch uns nicht an sich heran läßt, muß man ihm das wohl lassen und es respektieren. Wer einen Schutzwall gegen die Welt aufbaut, wird diesen sicher auch brauchen.

Nicht alles, was machbar wäre, ist auch richtig, es zu tun, auch wenn wir meinen, wir wüßten, wie es besser wäre.
Heutzutage unterliegen wir da oft ein bißchen der Hybris.

Wer weiß schon, welche Lernaufgabe ihm für dieses Leben aufgegeben war? Oft entwickelt sich die Seele ja erst durch schmerzliche Erfahrungen weiter.

Ich habe vor ca. 1/2 Jahr eine Grenzerfahrung mit Nähe gemacht.
In jener Nacht sah es so aus, als ob mein Schwiegervater stürbe. Meine Schwiegermutter war total am Ende. Ich habe zu beiden ein normal gutes, aber nicht inniges Verhältnis.
Während mein Mann sich um seinen Vater kümmerte, fing ich intensiv seine Mutter auf, was ihr sehr half, mir aber nachträglich bis heute zu knabbern gibt bis hin zu körperlicher Übelkeit.
Ich hatte zu spät bemerkt, dass ich über meine Nähegrenze gegangen war, die ich eigentlich zu meinem eigenen Schutz brauchte ...

einen lieben Gruß!
mohnfeld


mohnfeld Offline




Beiträge: 223

30.11.2004 10:30
#14 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

ps -

was mir besonders zu schaffen macht -

ich hatte in jener Nacht erheblich zu viel getrunken, was mir vermutlich das Überschreiten der Nähegrenze überhaupt erst ermöglichte, mich an meine eigenen Gefühle und die Fähigkeit, diese auzudrücken näher heranbrachte - aber mich auch des Schutzes der Abgrenzung beraubte ...


mohnfeld Offline




Beiträge: 223

30.11.2004 10:48
#15 RE: Der Alkohol und der Tod antworten

für beed


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