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Saufnix
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Dieses Thema hat 9 Antworten
und wurde 1.588 mal aufgerufen
 Deine eigene Alkoholkarriere
kahani Offline



Beiträge: 860

18.03.2006 21:56
RE: Meine Geschichte antworten

Hallo,

ich bin seit gestern unter Euch. Mein Suchtweg war ein langer Irrweg. Wenn ich diesen Teil meines Lebens erinnere, dann wundert’s mich fast, dass es mich heute noch gibt.

Mit 15 Jahren habe ich mich zum ersten mal eher zufällig betrunken. Und an das von mir sooooo angenehm empfundene Gefühl erinnere ich mich noch heute. Ich torkelt auf der Strasse lang, sang zum ersten mal in meinem Leben ein lautes Lied und hatte ein ganz starkes Gefühle: So! lässt sich das Leben aushalten. Ich beschloss, mir dieses Gefühl nun jedes Wochenende zu holen.

Es ging recht schnell, dass mir diese Wochenphasen etwas lang erschienen und ich schob einen Legensgefühlsentlastungs-Mittwoch ein. Ich betrank mich nie total. Immer bis an so einen Punkt, dass ich mich emotional entlastet fühlte. (Das ich innerlich so belastet war, ergab sich aus meinen Kindheitserfahrungen)

So verbrachte ich ein paar Jahre. Mit 25 trank ich in der Woche in Flasche Gin und regelmäßig dazu erst am Abend und dann in Folge auch über den Tag Wein. Mein Leben glich einer Odyssee. Ich fühlte immer eine enorme Rastlosigkeit und war immer auf der Suche nach einem Kick Kick bedeutete irgendwie einen Adrealinausstoss zu bekommen. Abenteuer, Aufregung, gefährliche Situationen und erniedrigende Situationen – eins reihte sich an das andere.

In diesen Jahren heiratete ich. Mein damaliger Mann war auch suchtkrank, nur die Droge war eine andere. Wir glichen zwei Nichtschwimmern, die sich gegenseitig retten wollten und sich Rettung vom anderen versprachen. Das hat natürlich nicht geklappt.

Mit 35 saß ich da: körperlich vom Alkohol abhängig mit zwei kleinen Kinder....geschieden.
Dann wurde mein leben zum Alptraum. An morgens musste ich schon gegen Entzugserscheinungen antrinken. Trinken, Däsen, Trinken und abends komplett wegschießen. Das wars?

Ich war 38 als ich von dieser Art zu leben erlöst wurde. Das Prädelir hat mich zu Hause erwischt. Meine Kinder waren wohl zu verängstigt um einen Arzt zu holen. Nach fast einem Tag bin ich wieder wach geworden. Ich kroch ins Bad schaute in den Spiegel, zeigte auf die Frau die ich sah und sagte: Du bist Alkoholikerin!

Nach einer Woche bin ich in eine SHG gegangen. 2 Jahre später machte ich in Grönenbach eine Therapie. Meine Kinder wurden ebenfalls therapeutisches begeleitet. Heute sind sie 19,5 und 17,5 Jahre alt. Einer geht nun studieren, der andere wird Herren Maßschneider. So weit ich das beurteilen kann sind sie gut drauf – ohne Stoff.

Wenn ich das so schreibe wird mir sehr dankbar zu Mute.

Habt bunte Momente
kahani


miezegelb Offline




Beiträge: 2.677

18.03.2006 22:44
#2 RE: Meine Geschichte antworten

Zitat
Wenn ich das so schreibe wird mir sehr dankbar zu Mute.





Hallo Kahani,


nochmal willkommen hier im Forum.
Ja, Dankbarkeit so würde ich auch sagen, das mir etwas noch rechtzeitig gesagt hat- probiers nochmal mit leben.

liebe Grüße
Ramona


kahani Offline



Beiträge: 860

18.03.2006 22:55
#3 RE: Meine Geschichte antworten

Liebe Ramona,

"probiers doch mal mit leben" dasteckt alles drin!

Irgenwann sagte mal wer zu mir : "Ach du meine Güte, du hast ja deine besten Jahre als Frau versoffen".

Das kann ich so nicht von mir sagen, die besten Jahre die da gemeint waren, die verbrachte ich mehr oder minder voll und zum Teil zitternd in der Ecke hockend.

Meine besten Jahre kamen erst danch

Lieber Gruß kahani


miezegelb Offline




Beiträge: 2.677

18.03.2006 23:14
#4 RE: Meine Geschichte antworten

Zitat
"Ach du meine Güte, du hast ja deine besten Jahre als Frau versoffen".





...das ich jetzt zufrieden bin ist wichtig und mehr als zufrieden sein kann man nicht....

liebe Grüße
Ramona


bordeauxnixe Offline




Beiträge: 673

19.03.2006 01:53
#5 RE: Meine Geschichte antworten

Hallo kahani,

erstmal herzlich willkommen hier im Forum und alles Gute weiterhin für dich.

Ich hab´da mal eine Frage: Was ist denn ein Prädelir?


gepard Offline




Beiträge: 851

19.03.2006 02:15
#6 RE: Meine Geschichte antworten

Ich wollte auch fragen, ob das nicht ein Delir war. Ein Prädelir kommt ja vor dem ausgeprägten Delir. Genau weiß ich es nicht, aber beim Prädelir hat man schon diese Angstgefühle, Schreckmomente, Kreislaufprobleme, aber man ist noch bei Sinnen. Das hatte ich auch beim zweiten Entzug, aber eben nur in so Anflügen. Es war dann wieder weg.

kahani, ich finde es toll, dass du dein Leben so in die Hand genommen hast.
Das mit dem vergeudeten Leben ist auch so eine Sache. Also was mich betrifft, habe ich ja ganz normal gelebt, hatte auch meine Freuden und schönen Zeiten, trotz Alkoholabhängigkeit. Ich versuche, das nicht so fatal zu sehen. Ich meine, jetzt lebe ich aktiv und mache Sachen, die ich nicht machen konnte, als ich noch trank (und die ich von Jahr zu Jahr aufschob, und wo ich mir manchmal denke, mei, 10 Jahre früher, das wäre toll gewesen, da wäre ich jetzt weit). Es war, wie es war. Und ich bin daraus gewachsen. Und ich scheue mich nicht zu sagen, dass es manchmal wunderbar war, sich einen Fernsehabend mit Bier zu gönnen. Aber wunderbar war es eben nur im Lichte der Sucht. Und die habe ich ja zum Glück gestoppt. Aus heutiger Sicht, wenn ich an die beduselten Abende mit genügend Biervorrat denke, so alleine vor dem Fernseher oder dem Internet, da finde ich das schon äußerst armselig. Ich fand es in den letzten Jahren, als ich noch trank, schon armselig - zögerte das Trockenwerden aber lange hinaus.


mirko65 Offline



Beiträge: 362

19.03.2006 09:02
#7 RE: Meine Geschichte antworten

Hallo Kahani,auch ich denke ich habe die beste Zeit meines Lebens versoffen.Jetzt bin ich 40,wo ist die Zeit geblieben frage ich mich manchmal.
Aber ich habe nur dieses eine Leben,also versuche ich jetzt einen anderen Weg zu gehen.Ich bin jetzt 111 Tage trocken,und gewöhne mich gerade an dieses Leben.Es hat viele positive Aspekte,nur leider wollte ich Sie nie sehen.
gruß Mirko


kahani Offline



Beiträge: 860

19.03.2006 09:25
#8 RE: Meine Geschichte antworten

Guten Morgen,

es ist Sonntag nach dem Frühstuck in bin guter Dinge und denke über Delir nach

Hallo Gepard , Du hast zu dieser Nachdenklichkeit erheblich beigetragen. Ich habe ja nach diesem Entzug erst mit meinem Arzt besprochen und erzählt wie das abgelaufen ist und der meinte damals „Prädelir“ Und in der Tat fehlt mir bis auf ganz kurze Momente die Erinnerung an fast 24 Stunden. Nun habe ich im Internet nachgelesen und da steht das, was auch Du geschrieben hast. Bewusstlosigkeit gehört zum Delir. Da habe ich all die Jahre , die Sache falsch eingeschätzt.

Aber was spielt da heute noch für eine Rolle für mich. Heute ist es nicht mehr wichtig, was es genau war. Das ich überlebte, ist das was zählt.

Hallo Bordeauxnix(e) ich kopiere hier mal das rein, was ich über Delir gefunden habe:

1. Das unvollständige Delir (sog. "Prädelir", synonym Entzugssyndrom) bietet flüchtige, zumal abendliche Halluzinationen oder eine leichte und flüchtige vegetative Symptomatik mit Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Schwitzen und morgendlichem Tremor, zudem fakultativ hirnorganische Anfälle vom Grand mal-Typ.

2. Das vollständige Delir (Delirium tremens) zeigt Symptome des exogenen Reaktionstyps mit Bewußtseins-, affektiven und Orientierungsstörungen, Übererregbarkteit und Symptome der halluzinatorischen Psychose (illusionäre Verkennungen, optische und taktile Halluzinationen, Suggestibilität) und eine vegetative Entgleisung (Fieber, Hypertonie, Tachykardie, Hyperhidrose, Tremor).

3. Das lebensbedrohliche Delir macht 7% aller Delirien aus mit der Symptomatik des vollständigen Delirs und ist bestimmt von schweren, vor allem kardialen und pulmonalen Komplikationen und schweren Bewußtseinsstörungen. Eine andere Schweregradeinteilung ist der CIWA-Ar (Clinical Institute Withdrawal Assessment for Alcohol, Sullivan et al., 1989).

Huhu Marko, >und gewöhne mich gerade an dieses Leben> besser kann man es wohl nicht ausdrücken . Mir ist es auch schwer gefallen, mich an die positiven Seiten des Lebens zu gewöhnen. Trockensein ist soviel mehr als nur nicht mehr saufen. Mein gesamtes Lebensgefühl und Denkweise hat sich im Laufe der Jahre gewandelt und das hat sich gelohnt. Bleib dran und genieße das viele Positive!
Mein Leben ist auch heute nicht nur Zuckerschlecken, Meine Kinder habe ich allein gross gezogen fürs Geld ranschaffen war ich auch allein zuständig. Da gab es manchen Tag der schwer war. Besonders die Alleinverantwortung für meine Kinder hat hin und wieder schwer auf meinen Schultern gelastet. Aber irgendwie ging alles. Nur wo die vile Jahren so schnelle hingegangen sind, das weiss ich auch nicht.

Lieber Gruß Anita


gepard Offline




Beiträge: 851

19.03.2006 09:55
#9 RE: Meine Geschichte antworten

Also der Punkt 1 ist genau das, was ich gespürt habe. Ausgenommen Grand Mal - ich hatte nur ein paar Male so einen Ruck von einem Aussetzer, einmal hörte es sich wie ein Knall an. Zum Glück ist nicht mehr draus geworden. Und du hattest großes Glück, dass du nach einem Tag aufstehen und zum Arzt gehen konntest!

Die Jahre vergehen sowieso schnell. Früher kannte ich es immer von älteren Menschen, die sagten "wie die Zeit vergeht!" Ich fand das schrullig. Jetzt geht es mir auch so, wenn mir irgend etwas gar nicht so lange vorkommt und mir dann bewusst wird, dass wir aber jetzt schon immerhin längst 2006 haben.

Auch ich denke so wie mirko, dass ich halt ab jetzt das beste draus mache, denn die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern. Ich fand bis vor kurzem auch "meine besten Jahre verloren", aber so in letzter Zeit versöhne ich mich ein wenig mit mir selber und meiner Vergangenheit. Man kann doch nicht sagen, dass das alles verloren war und nicht gezählt hat - immerhin hatte ich nicht NUR Kater, soziale und berufliche Stagnation, sondern habe mein Leben gelebt und hatte auch viel Freude in meinem Leben. Manche Bezugspersonen haben das gar nicht so bemerkt, was ich jetzt so als Krankheit betrachte. Und wenn ich Leute sehe, z. B. eine Kollegin, die auch alkoholabhängig ist - die führt ein Leben, und kein sooo schlechtes, von einigen Problemen wegen Alkohol abgesehen, die zwangsläufig immer wieder auftreten. Sicher wird es auch Leid geben in ihrem Inneren, und ich wünsche ihr, dass sie auch mal zur Besinnung kommt, was den Alkohol betrifft, aber niemand und schon gar nicht sie selbst würde sagen, dass all diese Jahre jetzt total vergeudet sind, alles für die Katz, das Leben verpfuscht. Wir sollten da - vor allem jetzt, wo wir auf einem guten Weg sind - nicht so streng urteilen über die Vergangenheit. Wir haben gelernt, wie wir es jetzt besser machen können. Wir sind rechtzeitig zur Besinnung gekommen.


Dorsa Offline



Beiträge: 161

23.03.2006 19:42
#10 RE: Meine Geschichte antworten

Hallo an alle

Ich wollte euch nur mal sagen, das ich riesigen Respekt vor allen habe, die den Alkohol besiegen!!!
Ich glaube zwar nicht, das ich WIRKLICH verstehe, wie es ist Alkoholiker zu sein, aber eins hab ich zumindest ganz sicher kapiert: Das es unglaublich schwierig ist, davon loszukommen!


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