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Saufnix
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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 356 mal aufgerufen
 Deine eigene Alkoholkarriere
toifelzwerg Offline



Beiträge: 51

06.10.2019 19:48
So lange her oder: es war doch nur Schweppes Antworten

Vor ein paar Wochen samstags: es war noch ein richtig schöner warmer Sommertag. Das übliche Samstag-Programm war abgearbeitet und ich erledigte die letzten Einkäufe. Und auf einmal hatte ich tierisch Lust auf Schweppes - Tonic Water. Hatte ich schon ewig nicht mehr getrunken. Leider gibts das bei Aldi aber nicht - und gegenüber bei Lidl auch nicht. Also versuchte ich es noch im Netto - Fehlanzeige. Damit waren die Geschäfte in meiner Nähe bereits alle abgeklappert. Ich wohne halt sehr ländlich. Aber ich wollte Tonic Water - unbedingt. Zwei Geschäfte und zehn Kilometer weiter war ich dann am Ziel und trug zufrieden vier kleine Flaschen mit der süss-säuerlich-bitteren Brause zu meinem Auto.
Und auf einmal kam mir das alles sehr bekannt vor. Beklemmend bekannt. So bekannt, dass ich tatsächlich nochmal in die Tüte sah. Ok, wirklich nur Schweppes.

Vor zehn Jahren war es Cointreau, den ich unbedingt haben musste. Und auch den gab es damals in meinen üblichen Geschäften nicht. Vieles andere ja, aber es musste eben Cointreau sein. Es ging ja nicht darum, irgendwas zu trinken, geschweige denn um den Alkohol. Nein, der Geschmack war es und richtig wieder einsteigen wollte ich ja nicht - und das würde ja auch nicht passieren. Natürlich nicht, denn ich wusste ja jetzt schon ein Jahr, wie man trocken bleibt, hatte mir selbst und der Welt bewiesen, dass ich es kann. Alkoholiker-Logik eben - und es ging schief - natürlich - und wie!

Ein Jahr nach der Cointreau-Fahrt war ich wieder auf dem Weg der Besserung. Nach vielen Flaschen Orangenlikör, dann Amaretto und schließlich wieder meiner Vorzugs-Droge Wodka; nach vielen lebensgefährlichen Kaltentzügen, viel verlorener Lebensqualität, verlorenen Freunden, verlorener Selbstachtung und schließlich nach stationärer Entgiftung und anschließender LZT. Erfolgreicher LZT, denn seitdem bin ich trocken.

Das ist schon so lange her - und es war diesmal ja nur Schweppes. Eine Flasche habe ich sogar noch :-). Aber die Erinnerung an damals war auf einmal so deutlich da. Was ich gedacht hatte, wie cool ich mich fühlte, wie sicher - die Freude als ich das Zeug endlich hatte und wie selbstverständlich es sich anfühlte, den ersten Schluck zu trinken und wie ich mir - bereits im freien Fall befindlich - noch lange vormachte, alles im Griff zu haben.

Die Erinnerung an den Kauf dieser ersten Flasche nach längerer Abstinenz ist wahrhaftig nicht die schlimmste an meine Trinkerzeit. Dennoch hat sie mich erschüttert, weil sie so unvermittelt kam, so plötzlich und so überaus heftig. Und ich habe gemerkt, dass ich einen alten Fehler wiederhole.

Oh ja, ich sorge gut für mich. Ich habe ein paar alte Freunde behalten und neue dazu gewonnen, habe Hobbys, weiß dass Balance wichtig ist, genieße immer noch das Einschlafen im nüchternen Zustand und habe jede Menge Erinnerungen in meinem Notfallkoffer - dachte ich. Aber die Schweppes-Episode hat mir gezeigt, dass diese Erinnerungen verblassen. Ich habe zugelassen, dass sich im Laufe der Jahre ein Weichzeichner drüber gelegt hat.
Die schlimmen Erinnerungen, ich wollte sie wach und immer nah bei mir behalten - als ultimative Waffe gegen evtl. drohenden Rückfall. Und jetzt stelle ich fest, dass die Waffen im Laufe der Zeit stumpf geworden sind. Das verunsichert mich gerade ziemlich. Vielleicht ist es gut, hier zu sein, ein bisschen darüber zu schreiben - zu lesen wie es anderen geht.

Ich gebe meinem Psychiater noch ein Jahr, dann fahre ich nach Lourdes. (Woody Allen)


1 Mitglied findet das Top!
Susanne Offline



Beiträge: 295

06.10.2019 20:34
#2 RE: So lange her oder: es war doch nur Schweppes Antworten

"Der Mut und die Vorsicht bauen im Garten eine Schaukel für die Verspieltheit. Ihre Diskussionen werden übertönt von einem lautstarken Zank zwischen Zuversicht und Angst, die sich ein Zimmer teilen wollen und sich nicht einig werden, wer oben und wer unten schläft. Die Selbstsicherheit hat im Nebenzimmer alle Möbel beiseite geräumt und unterrichtet Trotz und Scheu in Selbstverteidigung. Die Wut und die Aggression veranstalten im Dachgeschoß einen Riesenlärm mit dem Schlagzeug, das die Ausgeglichenheit ihnen mitgebracht hat. Die Freude läuft von einem zum anderen und summt vor sich hin."

Das schriebst Du 2011.

Wow. Toll!

------------------

Das stumpf Werden der Waffen im Laufe der Zeit.
Ich will Dir nicht (zu) nahe treten, möchte Dich aber dennoch fragen, ob Du derzeit - oder seit längerem angesammelte-Belastungen zu (er-) tragen hast.
Dein Beginn klingt so locker, leicht - der richtig schöne Sommertag.
Trotzdem ist es ja nicht leichtfertiger Übermut, was Dich treibt.

Ich hoffe sehr, Du kommst aus der Chose wieder heraus.

Rat los, aber Daumen drückend,
Susanne

-----------------------------------------
Trotz allem Pech ein lustig' Lied:
So, Schicksal, hau nur zu!
Wir wollen seh'n, wer früher müd',
Ich oder du!


grufti Offline




Beiträge: 3.681

06.10.2019 22:00
#3 RE: So lange her oder: es war doch nur Schweppes Antworten

Hallo toifelzwerg,

schön wieder von dir zu lesen!

Dein Schweppes-Erlebnis würde ich ehrlich gesagt nicht überbewerten. Schließlich hattest du ja keinen Suchtdruck, sondern wolltest nur Schweppes. Mir geht das manchmal so mit Süßigkeiten:-)

Allerdings...

Auch ich empfinde meine Verhalten bezüglich Süßigkeiten im weitesten Sinne zumindest "suchtähnlich", sagen wir mal so. Und grundsätzlich kann es nicht schaden, sich immer etwas selbst zu beobachten, ob sich "da was anbahnt" oder nicht. Bei mir selbst ist es aber so, dass ich mir sicher bin, dass sich "da nichts anbahnt", ich esse halt gerne Süßes und solange ich es nicht pfundweise in mich hineinstopfe oder auseinandergehe wie eine Dampfnudel, macht es mir nichts aus.

Aber ich finde es gut, dass du dich auch nach so langer Zeit an das Forum erinnerst und dein Erlebnis, das dich etwas verunsichert hat, hier postest.

Zitat Susanne: "Ich hoffe sehr, Du kommst aus der Chose wieder heraus."

Ich würde (nach dem Geschriebenen zu urteilen) sagen, du bist gar nicht drin in der Chose.

Aber das kann ich dann ja am Feldberg mit der Susanne diskutieren, und wenn du auch kommst, diskutieren wir zu dritt...:-)

Liebe Grüße vom Grufti!
Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden (Mark Twain)


toifelzwerg Offline



Beiträge: 51

06.10.2019 22:00
#4 RE: So lange her oder: es war doch nur Schweppes Antworten

Zitat von Susanne im Beitrag #2
"Der Mut und die Vorsicht bauen im Garten eine Schaukel für die Verspieltheit. Ihre Diskussionen werden übertönt von einem lautstarken Zank zwischen Zuversicht und Angst, die sich ein Zimmer teilen wollen und sich nicht einig werden, wer oben und wer unten schläft. Die Selbstsicherheit hat im Nebenzimmer alle Möbel beiseite geräumt und unterrichtet Trotz und Scheu in Selbstverteidigung. Die Wut und die Aggression veranstalten im Dachgeschoß einen Riesenlärm mit dem Schlagzeug, das die Ausgeglichenheit ihnen mitgebracht hat. Die Freude läuft von einem zum anderen und summt vor sich hin."

Das schriebst Du 2011.

Wow. Toll!

------------------

Das stumpf Werden der Waffen im Laufe der Zeit.
Ich will Dir nicht (zu) nahe treten, möchte Dich aber dennoch fragen, ob Du derzeit - oder seit längerem angesammelte-Belastungen zu (er-) tragen hast.
Dein Beginn klingt so locker, leicht - der richtig schöne Sommertag.
Trotzdem ist es ja nicht leichtfertiger Übermut, was Dich treibt.

Ich hoffe sehr, Du kommst aus der Chose wieder heraus.

Rat los, aber Daumen drückend,
Susanne




Danke Susanne! Schön, dass dir meine WG gefällt :-)

Danke auch für deine Frage. Beim Nachdenken darüber ist mir was aufgefallen.
Bei allem, was mir an Belastung einfällt, schiebe ich gleich die Antwort hinterher: aber das ist doch normal, haben andere auch.
Gebrechlicher werdende Mutter - geht anderen genauso.
Krankheit im Freundeskreis - müssen andere auch damit umgehen.
Wachsende Anforderungen im Job - kein Einzelfall.
Ziele nicht erreicht - wem gelingt das schon immer.
Also alles nichts besonderes - Jammer nicht rum, es könnte noch viel schlimmer sein.
Hmmm .... bei Freunden, nein eigentlich bei allen wäre ich einfühlsamer, verständnisvoller - ist mir vorher tatsächlich noch nie so aufgefallen.

Fakt ist, dass mir in letzter Zeit wirklich alles "ein bisschen" viel wird - beruflich und privat - und ich mich deswegen ziemlich klein und mies fühle.
Und im realen Leben streite ich natürlich alles ab - nein, nein, geht schon - lad doch noch was drauf.
Nicht, dass noch einer denkt, ich wäre schwach.

Petra

Ich gebe meinem Psychiater noch ein Jahr, dann fahre ich nach Lourdes. (Woody Allen)


toifelzwerg Offline



Beiträge: 51

06.10.2019 22:10
#5 RE: So lange her oder: es war doch nur Schweppes Antworten

Zitat von grufti im Beitrag #3
Hallo toifelzwerg,

schön wieder von dir zu lesen!

Dein Schweppes-Erlebnis würde ich ehrlich gesagt nicht überbewerten. Schließlich hattest du ja keinen Suchtdruck, sondern wolltest nur Schweppes. Mir geht das manchmal so mit Süßigkeiten:-)

Allerdings...

Auch ich empfinde meine Verhalten bezüglich Süßigkeiten im weitesten Sinne zumindest "suchtähnlich", sagen wir mal so. Und grundsätzlich kann es nicht schaden, sich immer etwas selbst zu beobachten, ob sich "da was anbahnt" oder nicht. Bei mir selbst ist es aber so, dass ich mir sicher bin, dass sich "da nichts anbahnt", ich esse halt gerne Süßes und solange ich es nicht pfundweise in mich hineinstopfe oder auseinandergehe wie eine Dampfnudel, macht es mir nichts aus.

Aber ich finde es gut, dass du dich auch nach so langer Zeit an das Forum erinnerst und dein Erlebnis, das dich etwas verunsichert hat, hier postest.

Zitat Susanne: "Ich hoffe sehr, Du kommst aus der Chose wieder heraus."

Ich würde (nach dem Geschriebenen zu urteilen) sagen, du bist gar nicht drin in der Chose.

Aber das kann ich dann ja am Feldberg mit der Susanne diskutieren, und wenn du auch kommst, diskutieren wir zu dritt...:-)





Hallo Grufti,

naja, der Schweppes an sich macht mir keine Gedanken. Da halte ich auch bei mir die Süssigkeiten schon eher für gefährlich.
Mir ist bei der Gelegenheit halt nur aufgefallen, dass die Klarheit meiner Erinnerungen nachlässt. Dass ich beim Nachdenken darüber nicht mehr wirklich spüre, wie es sich angefühlt hat.

Ich habe heute beim Stöbern im Forum auch über das Treffen gelesen, aber scheinbar nicht gründlich genug. Ich dachte, es sei auf dieses Wochenende verschoben.
Ich fahre Anfang November in Urlaub und bis dahin sind die Wochenenden leider schon belegt. Wenn es also nicht erst im Dezember stattfindet, kann ich leider nicht kommen.
Wünsche aber viel Spaß und gute Gespräche.

Petra

Ich gebe meinem Psychiater noch ein Jahr, dann fahre ich nach Lourdes. (Woody Allen)


staarman Offline



Beiträge: 50

06.10.2019 22:50
#6 RE: So lange her oder: es war doch nur Schweppes Antworten

Schöne Geschichte :-)

es gibt eine Menge an Geschichten und Erinnerungen, die immer wieder mal hochkommen. Bei mir hat es sich bewährt, dass ich mich damit auseinandersetze. Drüber reden, schreiben, das hilft bei mir immer. Immer noch.

Meine Wake-up Calls sind Albträume, die in unregelmäßigen Abständen auftauchen und mich daran erinnern, dass es eine Zeit gab, in der gar nix mehr funktionierte. Entsprechend hilflos muss ich dann meinem alten Ich in den Träumen beim Saufen zuschauen. Vorhersagbar ist das zum Glück nicht. Manchmal passiert lange Zeit gar nix und dann zwei Nächte nacheinander.
Anfangs hat mich das total kirre gemacht, heute habe ich mich damit abgefunden, dass mein Suchtgedächtnis diese Sachen niemals löscht. Kann ich heute gut mit leben, ist ja auch recht selten geworden.

Wichtig ist mir, immer zu wissen, dass es Menschen gibt, mit denen ich darüber sprechen und/oder schreiben kann, ohne dass ich für verrückt gehalten werde.

LG

Gerd


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Virgil Hilts Offline




Beiträge: 234

10.10.2019 07:10
#7 RE: So lange her oder: es war doch nur Schweppes Antworten

Das mit den Träumen ereilt mich auch ab und zu, mal ein schlimmes Besäufnis, einmal ein weinseliger Abend. Das Ende ist immer schlimm, Krankschreibung, einmal wieder in der Entgiftung...zum Glück alles nur geträumt! Ist wohl auch ganz gut so...

Ich hab's mit dem Kaffee, keine rauhen Mengen aber auf Feiern oder nach der Arbeit "muss" ich eine oder zwei Tassen haben. Ohne Milch und Zucker! Ist halt Absorbtion, aber warum auch nicht? Eine der vielen Marotten die ich mir in den letzten 2 Jahren angewöhnt habe wie z.B. extreme Pünktlichkeit. Alles besser als Saufen!

Ich kann auch ohne Alkohol traurig sein. (Simon Borowiak)


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