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Saufnix
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Dieses Thema hat 138 Antworten
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 Akute Hilfe
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trollblume Offline




Beiträge: 3.423

09.09.2017 09:40
#106 RE: Der Vorhang zu antworten

es sind schon fantastische, wunderbare 100 Tage,

die du giftfrei gelebt hast

Dazu herzliche Glückwünsche von mir und das noch viele,viele dazukommen......

nen sonnigen Gruß

vera

Wer seinen Hafen nicht kennt,für den ist jeder Wind der falsche
(Seneca)


Susanne Offline



Beiträge: 51

10.09.2017 17:24
#107 RE: Der Vorhang zu antworten

Vielen, lieben Dank für die Glückwünsche und sonnigen Gruß zurück:-)

Und auch den "Daumen-nach-oben"-Top-Anklickern: Danke schön!

Viele Grüße, Susanne


1 Mitglied findet das Top!
Susanne Offline



Beiträge: 51

25.09.2017 14:56
#108 RE: Der Vorhang zu antworten

Vor zwei Wochen ein kleines Konzert. Sehr überraschend: Da durften die Zuhörer ihre Alk-Gläser mit in den Konzertraum nehmen. Ich habe eine geschlagene Dreiviertelstunde alle Mühe gehabt, meine Blicke von den Weingläsern meiner Sitznachbarn und des Typen in der ersten Reihe immer wieder loszueisen. Die Gläser befanden sich immer in meinem Fokus. Große Weingläser. Und so voll! Rotwein rechts neben mir, Weißwein vorne erste Reihe. Die Gläser wurden dann zwischenzeitlich unter die Sitze gestellt. Sehr seltsam, dass der Veranstalter das gutheißt – normal ist bei dieser Art von konzertanter Musik, dass vor Beginn draußen im Foyer getrunken wird.
Dann gläserloses Hineingehen, Türen zu, Musik los. Ich fühlte mich dabei in den letzten 16 Wochen immer sicher, ruhig, entspannt.

War es nur der Überraschungseffekt? Bisher bin ich ja gut damit gefahren, im Vorhinein zu akzeptieren, ob, wo und dass es irgendwo Alkohol geben wird.
An diesem Abend fühlte ich mich überrollt.
Aber wie!
Dazu kam, dass es auch noch ein Freitagabend war. Der Freitag, meine suchttechnische Achillesferse.
Und einer der Musiker verkündete auch noch launig, dass es uns (dem Publikum) doch super gehen müsse; Freitagabend, alles super, freier Samstag, freier Sonntag vor uns – yeah.
Und alle freuten sich ja auch – nur ich nicht. Nichts half, keine Aufmerksamkeitsverlagerungsversuche, an etwas anderes zu denken, selbst die Musik drang nur anflutend abebbend anflutend abebbend in mein Bewusstsein;
was für ein beschissener Zustand. Diese Gläser voller Wein - Sirenen für Odysseus. Wo ist der Mast? Anstrengend, frustrierend. Fast eine Stunde lang – bis zur Pause.
Rausgehen, durchatmen, auch richtig an die frische Luft; ich wollte meine latente Begierde gern abschütteln wie ein Hund, der aus dem See kommt, die Wassertropfen.
Nach der Pause war es okay. Wenn nicht, wäre ich gegangen.
Druck aushalten können ist wichtig, aber nicht „endlos“. Ich will ja keinen Preis für Masochismus gewinnen, ich will um nichts in der Welt wieder trinken müssen.
Für mich heißt das aber auch, dass es eng und schwierig werden kann, wenn ich unverhofft und ungeplant auf Alkohol stoße. Da habe ich anscheinend bislang keine gute Strategie.
Solche Situationen werden ja auch nicht so häufig sein, aber egal: Ein Mal zu viel, keine Strategie und aus die Maus.

Ich habe schon viel zu „Notfallkoffern“ gelesen. In der Motivationstruppe haben wir mal Multivitamin-Brausetabletten (einfach so in den Mund und schäumen lassen) und Chilis ausprobiert – also, zwei Chilis kraftvoll zu zerkauen befreite mich tatsächlich und fulminant für eine subjektiv recht lange Zeit von allen (anderen) Sorgen. Ich habe mir gestern Abend ein paar davon in ein altes silbernes Pillendöschen meiner Großtante gepackt und nehme es jetzt immer mit. Vielleicht hilft es so gut wie Knoblauch gegen Vampire, vielleicht hilft das Wissen um seine Existenz mir am kommenden Donnerstag, wenn ich –selbe Spielstätte, selber Veranstalter – beim nächsten kleinen Konzert sitzen werde… Wäre ja gelacht, wenn ich das beim zweiten Mal mental nicht besser geregelt bekäme.

Ich wundere mich auch gerade über mich. Ich dachte, es fiele mir am schwersten, bei Frust, Ärgernissen und Unglücklich sein, kurz: bei Negativem aller Art auf Alkohol als Dämpfer und Weichzeichner zu verzichten.
Nun ist es momentan eher die andere Seite des janusköpfigen Alleskönners, das Toppen einer an sich schon schönen Situation, die mir vorgaukeln will, Alkohol gehöre „dazu“. Nix da!

Ich helfe mir ja momentan sozusagen mit Bordmitteln aus dem Sumpf heraus.
Hier das Forum ist meine wichtigste Hilfe.
Die Motivationstruppe – da ist es etwas ambivalent. Zum einen geht es dort natürlich ein wenig zu wie im Taubenschlag. Zum anderen ist es ja keine Gruppe von Abstinenten. Vertreten sind viele Stoffe und mehr. Dominierend ist allerdings die Alkoholabhängigkeit. Ich lerne aber auch viel übers Kiffen, Koksen, Amphetamine und das Sich-tief-Schneiden. Der Anspruch der begleitenden Suchtberaterinnen ist, dass es nach Ende der zweistündigen Gruppe niemanden schlechter geht als vorher. Das trifft bei mir nur bedingt zu. Ich besuche die Gruppe jetzt jede Woche seit Ende April mit einer vierwöchigen Unterbrechung rund um meinen Urlaub. Am Anfang fühlte ich mich, nachdem 2 Stunden lang so oft die Wörter „trinken“ und „Alkohol“ fielen, sehr, sehr unruhig. Auf der Rückfahrt nach Hause erschien mir der hellstrahlende Supermarkt besonders magnetisch aufgeladen.
Und manche der Geschichten belasten mich sehr. Wirklich sehr. Ich müsste theoretisch in irgendeine andere Gruppe gehen, um das, was in dieser Gruppe an sehr Belastendem erzählt wird, wieder loszuwerden - oder vornehmer: aufzuarbeiten - aber das kann es doch auch nicht sein!

Andererseits: Als ich die vier Wochen keine Gruppe, kein Einzelgespräch, kein Forum besuchte: Es war so wahnsinnig leicht, eine Haltung zu entwickeln in Richtung „War da was? Da war doch nichts. Ach damals das. Ist doch schon lange her. Ist jetzt doch bestimmt alles anders.“ Deswegen brauche ich das ganz dringend, mich mit mir und meinem Leben und dem Alkohol und was er bedeutet, wofür es gut war, warum es schlecht ist, wo es lang geht, auseinanderzusetzen.

Ich bin auch deshalb so froh über jeden positiven Beitrag hier von den SchreiberInnen, die schon länger alkfrei - und das gerne- leben. Leuchttürme :-)

Viele Grüße,
Susanne


nino Offline



Beiträge: 51

25.09.2017 17:57
#109 RE: Der Vorhang zu antworten

Was steht einer "normalen" SHG entgegen? Ich habe die Motivationsgruppe hinsichtlich Saufdruck auch in sehr schlechter Erfahrung, allerdings waren es nur 8 Termine und mehr auf Informationstransfer ausgerichtet, dass die Teilnehmer - sofern tatsächlich noch so unbedarft - die ambulanten und stationären Hilfsmöglichkeiten kennen, sich eine Pro/Contra Liste bzgl. Alkoholkonsum erstellen, über die Folgen nachdenken. Hilfreich war für mich die erste Teilnahme - nach der Suchtberatung im 1:1 Gespräch auch in einer Gruppe den Mund aufzubekommen und die Abhängigkeit einzugestehen. Ich war damals noch im on-/off Modus, mal eine oder zwei Wochen ohne Alk geschafft, mal übers Wochenende getrunken mit dem festen Ziel montags wieder aufzuhören - nur, und da schließt sich der Kreis zu Deiner Wahrnehmung, hat mich die Motivationsgruppe oft stark getriggert mit dem ständigen Gerede wer wieviel getrunken hat und wer eigentlich überhaupt kein Problem hat (nur ein einmaliges Pech, dass man sich morgens um 7 Uhr mit 2 Promille in den Mülllaster gesetzt hat beispielsweise). Endeffekt war, dass ich diese Male dann unmittelbar nach der Gruppe nachgetankt habe und das temporäre Aufhören auf Dienstag verschoben hatte (dann meist erfolgreich).
In der SHG habe ich den gegenteiligen Effekt, da werde ich möglichen Druck tatsächlich los und baue nichts auf.


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Sadgirl Offline




Beiträge: 339

25.09.2017 19:02
#110 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Susanne.
Vllt kannst Du Deine Trigger verbannen, indem Du Dich mental darauf vorbereitest , dass Du beim nächsten Event wieder konfrontiert wirst - nach dem Motto " da gibt's wieder jeder Menge Alkohol, aber zum Glück brauche ich das nicht mehr, sollen sich die anderen mir Kater etc rumschlagen". Klingt simpel und recht bäuerlich, aber bei meinen ersten trockenen Ausgängen hat mich das irgendwie beflügelt-zu wissen "ICH habe keinen Kater und wie das stinkt....".
Als ich bei den AA's war, gaaanz viel früher, hat mich das reden über die Räusche auch getriggert. Ich bin dann sehr, sehr schnell gegangen, nur nicht irgendwo einkehren danach....
Jetzt vor 1 Jahr habe ich es bis heute ohne SHG geschafft. Für mich ist unser Forum hier ausreichend. Vllt gibt es bei Dir auch eine Gruppe in die nur Frauen kommen. Ich hörte davon und das würde mich auch interessieren. Nach dem Motto: Einfach mal eine evtl andere Form von SHG....
Wünsche Dir Erfolg beim Trigger verjagen. ;-)
LG Happygirl Silke


funkelsternchen Offline




Beiträge: 3.794

25.09.2017 19:55
#111 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Susanne,
haste doch aber top gemeistert. Beim nächsten Mal weißt du schon, wie es geht, nämlich, dass es eben geht. Ohne Alk. Und diese Situation wird sich wiederholen und wiederholen und wiederholen. Also nicht exakt so, aber eben so ähnlich. Und du kannst so lernen, dass es zu keiner Zeit nötig ist zu trinken. Dann nicht, wenn etwas besonders toll oder besonders schlimm ist. Alles Gute für Dich.

Funkelsternchen

_______________________________________________

Die Mutter der Idioten ist immer schwanger


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Susanne Offline



Beiträge: 51

27.09.2017 14:05
#112 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Nino,

jo, danke für die Vorlage mit dem einmaligen Pech morgens um 7 Uhr mit 2 Promille im Müllaster. Ich kriege da so eine Art seelisches Schleudertrauma, weil ich gerade bei Neuen immer erst einmal empathisch alles ernst nehme. Mir fehlt da jede professionelle Distanziertheit. Und dann krabumm, z.B.: Mutter will mit Anwalt sofort jetzt bzw. spätestens morgen früh ihre Kinder vom Jugendamt/Pflegefamilie zurückfordern (erster Satz), ist aber ohne festen Wohnsitz (dritter Satz)...

Andere SHG: Ja, wird vielleicht Zeit. Die eine, erste, in der ich im April einmalig war mit 15 Männern und zwei Frauen wird eher nicht so für mich sein. Andere erreichbare Gruppen sind tagsüber oder abends zu spät und gleichzeitig zu weit weg. Kontakt aufgenommen habe ich mit einer Frau aus einer Frauengruppe der Guttempler, da gehe ich Ende Oktober hin - die treffen sich leider nur ein Mal im Monat. Es ist aber bestimmt gut für mich (wenn schon, denn schon), eine wöchentliche Gruppe zu finden. In einer Gruppe der AA war ich neulich, erstmalig. Da passt insbesondere der Ort und die Zeit und das erste Mal war auch soweit okay, wenn auch ein wenig befremdlich - außer das ich gegen die "lebenslange Krankheit, die höchstens zum Stillstand gebracht werden kann" und die Atmosphäre allgegenwärtiger Bedrohung, eines ständig und auf ewig (und nicht nur 24 h lang, nicht nur heute) über den Köpfen schwebenden Damoklesschwertes innerlich rebelliere. Richtig gut fand ich überraschenderweise, dass halt jeder nur redet und es keine Kommentare dazu gibt. Ich dachte im Vorfeld, mir würde die Kommunikation fehlen, aber ich kam damit erstaunlich gut klar. Ich möchte / kann zu der AA-Gruppe noch nichts abschließendes schreiben.

Also, ich bleibe dran...


Susanne Offline



Beiträge: 51

27.09.2017 14:29
#113 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Happygirl,

schön, Deine Namensmetamorphose :-)
Ein Jahr - Klasse - da will ich auch hin.

So werde ich es morgen Abend machen; die können ruhig wieder ihr Glas mitnehmen; ich bleibe gelassen. Ohm :-)
Frauengruppe siehe Beitrag an Nino - ich bleibe dran.

Viele Grüße, Susanne


Susanne Offline



Beiträge: 51

27.09.2017 14:31
#114 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Funkelsternchen,

danke fürs Mut machen !

Viele Grüße,
Susanne, lernfähig ;-)


trollblume Offline




Beiträge: 3.423

27.09.2017 17:40
#115 RE: Der Vorhang zu antworten

hallo Susanne

bei mir wars in den Anfangsjahren so das ich öfter mal ne völlig neue Gruppe angesteuert habe,

auch gerade dann wenn ich gemerkt habe das ich in ne dünnhäutige Phase rutsche....AA.. NA... Dialoggruppen...

Auch ich hab als einzige wirkliche Konstante hier das Forum genutzt



(danke Tommie nochmals und immer wieder hier an dieser Stelle dafür)


wobei ich auch gerade durch die jährlichen Treffen einige privat kenne und mich da auch immer mal auch ausgetauscht hab....


Mittlerweile nimmt das Thema kaum noch Raum ein bei mir und dennoch wird es immer ein Teil von mir bleiben
den ich weder verdrängen noch vergessen möchte!!!!



Im Gegenteil
ich kann vieles davon nutzen heute:

meine Erfahrungen mit mit rein und wieder raus aus der Sucht ....

Sei es um anderen gegebenenfalls zur Seite zu stehen
mit Info Rat und Tat
als lebendes Bsp. das es machbar ist

oder mir selbst im Umgang mit anderen Süchten....

jaaa
durchaus ist auch zu viel essen,arbeiten,fernsehen,sammeln,rumhirschen,rauchen,Gesellschaft,Gruppendruck,Süßkram etc
der eigenen Gesundheit von Körper,Geist und Seele abträglich und da ist es schon hilfreich sich in Abstinenz begeben zu können


Wie Du bei mir nachlesen kannst hatte ich auchmal meine Schwierigkeiten mit ner nach meinem Geschmack sehr männerdominanten Gruppe .......wechseln half...

überhaupt.....den Weg zu gehen,der einem guttut hilft.....das achtsam herauszufinden
.....da ging meine Energie hin
hat funktioniert bislang

Du kannst das ebenso

In diesem Sinne
locker bleiben

LG vera

Wer seinen Hafen nicht kennt,für den ist jeder Wind der falsche
(Seneca)


Susanne Offline



Beiträge: 51

28.09.2017 16:08
#116 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Vera,

ich habe Deinen ganzen "Werdegang" gelesen und bei manchen tollen Formulierungen Deiner Schilderungen in guten und auch schlechteren Zeiten dachte ich: Das muss ich mir unbedingt merken! Genau so isset!
:-)

Danke für Dein Feedback; ich bleibe locker - aber nicht zu locker...

Viele Grüße,
Susanne


Susanne Offline



Beiträge: 51

12.10.2017 18:38
#117 RE: Der Vorhang zu antworten

Hi,

mir ist einfach gerade danach, zu schreiben, dass ich weiterhin nichts trinke und es mir ganz ausgezeichnet dabei geht.

Also - einfach weitergehen - hier gibt `s nichts Aufregendes zu sehen.
Nur jemanden, dessen Leben sich ohne Alk tatsächlich deutlich leichter anfühlt, als mit :-)

Viele Grüße,
Susanne


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newlife Offline




Beiträge: 3.488

12.10.2017 22:03
#118 RE: Der Vorhang zu antworten

Sehr schön. Freut mich, denn auch da kenne ich ein Gesicht.

Enjoy the freedom...


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brulara Offline



Beiträge: 41

15.10.2017 08:56
#119 RE: Der Vorhang zu antworten

Liebe Susaanne,
ich kann dir da nur zustimmen, das Leben ist schön ohne Alkohol.
Ich freue mich für dich, für mich und allen die es geschafft haben und noch schaffen werden.
Ich wünsche euch einen schönen sonnigen Sonntag.

Liebe Grüße aus dem Schwarzwald

Brulara


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Susanne Offline



Beiträge: 51

18.10.2017 12:31
#120 RE: Der Vorhang zu antworten

Krankheit, Salutogenese und Selbstbild.

Das Thema schwappt bei mir immer wieder so herum. Ausgangspunkt war der Beitrag:
Lebenlange Krankheit?
Deshalb hier ein paar meiner ungeordneten, auf jeden Fall noch längst nicht abgeschlossenen Überlegungen:

Durch den exzessiven Alkoholkonsum habe ich mir zunächst helfen wollen und ich war einige Monate leistungs- und handlungsfähig, wo ich es sonst nicht gewesen wäre. In –für mich erstaunlich kurzer Zeit- habe ich durch den Alkohol jedes gesunde Maß im Umgang mit mir selbst verloren, mir selbst geschadet, und selbst dann, als ich im November dringenden Handlungs- und Änderungsbedarf empfand, erst noch weiter fünf Monate gebraucht, um etwas, irgendetwas zu tun. Selbstheilungsversuche in Form von vermindertem Trinken (selten, weniger) erwiesen sich als nicht tragfähig.

War/bin ich krank? Ja.
Krank wie mit Beinbruch oder Masern? Jain. Oder?
Das ist der Unterschied: Der Einfluss, den ich –und nur ich- selbst auf den Verlauf der Krankheit nehmen kann.
Was verbinde ich überhaupt mit dem Begriff „Krankheit“? (Ich lasse jetzt bewusst die WHO-Definition weg, weil die hier an dieser Stelle für mich gar nichts bringt) Ist es –für mich, gefühlt, etwas Schicksalhaftes? Etwas, das ohne eigenes Zutun ausbricht? Das über mich kommt und auf das ich keinen Einfluss habe? Wenn mein Krankheitsbegriff so oder so ähnlich ist, dann habe ich wenig Chancen, zu gesunden, da ich dann die Verantwortung für mich an der Garderobe abgeben kann. Wenn ich erkrankt bin als Schicksal, dann muss ich mich auf Ärzte, Therapeuten, auf von außen kommende Hilfe verlassen, lehne mich passiv zurück und lass‘ die Fachleute `ran. Werde ich nicht gesund, sind die anderen schuld.

Auf der anderen Seite ist es natürlich gut, dass der Krankheitsbegriff mit der Mär von der lediglich fehlenden Willenskraft und ähnlich gelagerten anderen Charakterfehlern als Erklärungsversuchen aufgeräumt hat.

Im Mittelalter wurde Krankheit zudem teilweise als Strafe Gottes für begangene Verfehlungen gesehen, die nur dann beendet werden würde, wenn der solcherart Gestrafte seine Sünden bekennen würde. Aus lauter Verzweiflung haben kranke Menschen Sünden „bekannt“, die sie nie begangen haben, in er irregeleiteten Hoffnung, dass Gott ein Erbarmen haben und sie von ihrer Krankheit heilen möge.

Sehe ich die Erkrankung nicht als Schicksal, sondern als selbst verursacht, so fehlt zumindest komplett jedweder Vorsatz. Was dann? Fahrlässigkeit? Wieso bewege ich mich auf einmal in Fragen des Strafrechts oder der Schuldzuweisung? Das nützt alles gar nichts.

Andererseits: Je mehr Einfluss ich mir selbst zubillige, je mehr Verantwortung ich für mich übernehme, so positiver sind meine Chancen, dass ich mich selbst aus der Bedrouille auch wieder heraus führen kann (unter Annahme von allem anderen, was mir dabei hilfreich sein kann).

Was ich nicht verstehe: Wenn doch auch bei den AA ein Weg der Genesung vorgesehen ist und propagiert wird, wie passt dann das Bild der „lebenslangen Krankheit“, die höchstens zum „Stillstand“ gebracht werden kann zum Begriff der „Genesung“? Genesen sein ist doch weit mehr als lediglich eine (mühsam, vielleicht auch nur vorübergehend, buhuhu) zum Stillstand gebrachte Krankheit.

Was ist – wieder andere Frage – mein „Krankheitsgewinn“? Was habe ich davon, wenn ich mich als krank definiere? Also, ganz konkret habe ich mich die letzten vier Monate deutlich geschont, deutlich weniger to-do-Punkte abgearbeitet und ganz deutlich mein tägliches Wohlbefinden, soweit das jeweils möglich ist, in den Mittelpunkt gerückt. Wenn ich alkohol“krank“ bin, ist es legitim, dass ich meine Genesung in den Mittelpunkt meiner Bemühungen stelle. Mein Krankheitsgewinn ist vor allem, dass ich mich bemühe, mir in Manchem (da, wo es möglich ist), was nicht mit dem Trinken zu tun hat, das Leben etwas leichter zu machen. Hauptsache, ich trinke nicht.
Krankheitsgewinn = dass ich gesund werde? Passt auch nicht. Krankheitsgewinn wäre, wenn ich zum Beispiel von allen möglichen Leuten verlangen würde, Rücksicht auf mich zu nehmen und mich in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Bemühungen zu stellen. Das oder so etwas ähnliches mache ich aber gar nicht.

Andere Überlegung: Wem es gut tut, sich lebenslänglich als krank (mit Stillstand…) zu definieren, dem kann das deshalb gut tun, weil er /sie über diesen Weg am besten und ehesten die angestrebte Abstinenz aufrechterhalten kann. Das könnte ich nachvollziehen.

Einschub: Ich rauche seit 16 Jahren nicht mehr. Irgendwann innerhalb der ersten fünf bis acht Jahre ist mir die Vorstellung, eine Zigarette zu rauchen, komplett abhanden gekommen. Das Rauchen als Handlungsalternative in egal welcher Situation: Keine Option mehr. Völlig absurd. Kein Gedanke mehr daran. Da ist nix zum Stillstand gekommen, da hat sich ganz im Gegenteil sehr viel entwickelt.
Und ich bin vom Selbstbild her auf keinen Fall : „Hallo, ich bin Susanne und Raucherin, die seit 16 Jahren zigaretten-, nikotin- und kondensatfrei lebt“ … was für ein Schmarrn wäre diese Vorstellung.

Also, eines ist mal klar: Ich will wieder gesund werden! Mit diesem Ziel kann ich ein neues Selbstbild von mir entwerfen, welches zu realisieren für mich erstrebenswert ist und tragfähig werden kann!

Viele Grüße,
Susanne


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