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Saufnix
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Dieses Thema hat 264 Antworten
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 Akute Hilfe
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funkelsternchen Offline



Beiträge: 3.802

06.05.2018 22:46
#256 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Susanne,
ich wünsche dir wirklich alles alles gute. Hoffe, dass du die Chemo gut verträgst und natürlich einen möglichst positiven Verlauf. Auch ich kann mich, denke ich in dich reinfühlen. Hab nach knapp 2 Jahren Abstinenz auch ne ungute Diagnose bekommen mit anschl. schwerer OP. Doch Alk war da keine Option mehr und für mich hört sich das bei dir auch nicht so an. Du scheinst eine Frau zu sein, die gewillt ist, ihr Schicksal anzunehmen. Du hast meinen allergrößten Respekt.

Funkelsternchen


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Julia Offline



Beiträge: 155

07.05.2018 10:24
#257 RE: Der Vorhang zu antworten

Liebe Susanne

Ich wünsche dir ganz viel Kraft und auch ganz viel Hoffnung für die kommenden Wochen. Gute Ärzte sowie ein empathisches und liebevolles Umfeld mögen dich begleiten und stützen. Ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass du die Chemo und Bestrahlung gut verträgst, der Tumor entsprechend kleiner wird und die OP dann stattfinden kann.

Von Herzen alles Liebe
Julia

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"Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farben deiner Gedanken an" (Marc Aurel)


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Susanne Offline



Beiträge: 100

13.05.2018 10:53
#258 RE: Der Vorhang zu antworten

Gern möchte ich die zwei Monate in der Suchtklinik Höchsten mehr oder weniger abschließend betrachten. Da habe ich noch „seelische Reste“.

Drei Ereignisse oder Erkenntnisse sind mir wichtig, eine vierte Angelegenheit trenne ich davon und hole sie demnächst mal nach; heute ist ja auch noch Muttertag :-)

Los geht `s:

1.) An einem Abend gegen 20 Uhr (dunkel, minus 14 Grad!) gab es einen „echten“ Probe-Feueralarm. Alle (bis auf drei Junge Wilde, die im PC-Raum waren und zu Video-Clips so laut Musik auf ihren Ohrhörern hatten, dass sie den Feueralarm nicht gehört hatten) liefen alle mehr oder weniger (warm) bekleidet, ins Freie, zum Sammelpunkt an der „Raucherhütte“. Vier große Löschzüge, viele Feuerwehrmänner, viel Halligalli.

An diesem Abend ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass, sollte ich jemals wieder anfangen, zu trinken, es kein Ende des Elends geben wird und dass der Absturz um Welten tiefer werden würde. Ich würde es nicht ein zweites Mal schaffen, wichtige Ressourcen aufrecht zu erhalten. Bis zu dieser Nacht hatte ich immer nur das Mantra vieler Abhängiger übernommen: „Dahin wo ich war, mit und in der Sucht, da will ich nie mehr wieder hin“. Das wäre bei mir die Nacht im November 2016, die mit der Platzwunde an der Stirn. Von dieser bescheidenen, kleinen Vorstellung habe ich mich gelöst und mir wurde so ganz bewusst, dass es für mich persönlich bei einem „nächsten Mal“, sollte ich es zulassen, viel, viel schlimmer kommen würde. Das neue Alkoholikerinnen-Elend hätte bei mir keinen Boden.

An dieser Stelle möchte ich mich noch bedanken bei Dir @ Vianne, für Deine Stellungnahme in: #222 RE: Der Vorhang zu: „Und ob man "leicht abhängig" oder "schwer abhängig" ist, finde ich ist ziemlich egal, es ist ja eher ne Zeitfrage als ne Charakterfrage.“ Besser kann man es nicht ausdrücken.
Und bei mir würde bei einem zweiten Absturz die Zeit auch noch im Zeitraffer fliegen. Es ginge schnell und brutal nach unten.

Danke auch an Dich @ Nino für Deine Überlegungen zur Klärung in #225 RE: Der Vorhang zu: „Zum anderen aber die Frage, für wen ich die Verantwortung trage“, gibst Du da zu bedenken.
Weil ich so kurz vor der Abreise in die Klinik stand wollte ich mich nicht mehr in die Diskussion einklinken, aber ich sehe es eindeutig so: Will ich aus der Sucht heraus kommen, trage letztendlich ich allein die Verantwortung für mich. Niemand anders hat die Verantwortung für mich und niemand anders ist verantwortlich dafür, ob ich die Sucht bewältige oder nicht. Aber auch ich bin umgekehrt nicht verantwortlich für den Suchtverlauf eines anderen süchtigen Menschen.

2.) Ende Februar war der dritte Todestag meines Mannes. Ich habe an diesem Tag geballt sehr viel Trauer über diesen Verlust für mich und unseren Sohn, und auch Wut auf das „ungerechte Leben“, auf die komplette plötzliche Zerstörung unserer gemeinsamen Lebenspläne, auf die nie wieder gut zu machende Erschütterung meiner Lebensbasis zugelassen.“Mein" Therapeut hat gesagt, dass er Menschen kennengelernt hat, die nach einem so plötzlichen Tod eines sehr Nahestehenden zerbrochen seien. Nun. Zerbrochen bin ich nicht. Nur ein bisschen selbstzerstörerisch…
Übrigens: Die Oberärztin sprach mich – am zweiten (!) Tag meines Aufenthalts - an: Solch plötzliche Todesfälle könnten ja auch Traumata auslösen; das wäre mittlerweile gut wissenschaftlich untersucht und diese wiederum würden die Hirnstruktur verändern. Dagegen gäbe es aber sehr gute Medikamente. Ich könne sie gern jederzeit darauf ansprechen. Hallo? Bin ich auf dem falschen Weg, wenn ich denke, dass ich doch in die Reha ging, um meine eine Sucht loszuwerden – und da wird mir auf dem silbernen (Pharma-) Teller die nächste angeboten?

An dem Tag selber habe ich mich zwischen den Gruppensachen zurückgezogen; ich musste unbedingt allein sein. Ich hatte das Lieblingsfoto von meinem Mann dabei, hatte am Vortag Blümchen im Dorf gekauft und eine ganz feine Mitpatientin hat mir eine kleine Karte des Trostes gegeben, sehr lieb.

Auf dem Weg zum Abendessen kreuzte ein anderer Therapeut am Aufzug meinen Weg und nuschelte „wiegehts“, in der berechtigten Erwartung auf eine den Konventionen entsprechende Antwort wie „gutundIhnen“. Zu hören bekam er aber: „Beschissen geht es mir, richtig beschissen. Heute ist der dritte Todestag meines Mannes und seine Witwe sitzt ein in der Trinkerinnenheilanstalt“.
Ja, so war es. Mann Tod, Witwe in der Trinkerinnenheilanstalt.

Nach dem Abendessen habe ich dann gedacht: Eigentlich als Zwischenbilanz nicht schlecht. Denn wenn die Witwe nicht hier säße, dann hätte sie zu Hause um diese Uhrzeit schon die zweite Flasche Rotwein in Angriff genommen.

Und so habe ich doch tatsächlich abends gegen 8 Uhr das erste Mal an diesem Tag an Alkohol gedacht. War die ganze Zeit gar keine Option, kein Gedanke daran. Und ich wollte auf gar keinen Fall welchen trinken, als seine Existenz mir so spät abends erst einfiel.

So wurde dieser dritte Todestag zugleich der erste, den ich nüchtern gelebt habe.
Und so soll und wird es auch fürderhin bleiben.

3.) Gegen Ende der zwei Monate hatte ich den intensiven Wunsch, einen Schlusspunkt hinter meine alkoholische Phase zu setzen. Irgendetwas Symbolisches zu tun, um meinem absoluten Begehren, nie mehr in die Suchtfalle zu tappen, Ausdruck zu verleihen. Ein Ritual, eine Magie, irgendetwas, dass die Sucht „auf dem Höchsten“ bleibt und mir nicht nach Hause mehr folgt. Ich habe hier im Forum in den Biografien so etwas in dieser Richtung nicht gelesen, vielleicht irgendwo auch überlesen. Daniel Schreiber („Nüchtern“) macht so etwas: Er lässt sich das Wort „Grace“ ins Handgelenk tätowieren, wenn ich mich richtig entsinne.

Ich bin auf etwas anderes gekommen: In 10 Minuten Gehweg-Entfernung ist eine schöne Therme http://www.bad-saulgau.de/sonnenhof/ Da durfte ich auf Kosten der Rentenversicherung während meiner Reha Wassergymnastik betreiben, aber auch am Wochenende war ich ein paar Mal selber dort. Und auf der großen Theke, wo man seine Eintritts-Chips holt oder kauft, steht ein ganz großer Aufsteller mit einer Flasche Sekt von der Farbe von Freixenet und eine kleine grüne Flasche Piccolo daneben; die Getränke kann man im Bistro im Eingangsbereich käuflich erwerben und auf dem großen Aufsteller steht: „Lassen Sie die Seele baumeln“. Tja. Der Aufsteller hat mich jedes Mal genervt. So etwas entgeht meiner Aufmerksamkeit immer noch nicht, wird auch noch länger so bleiben, wird aber weniger.

Sekt hat für mich eine besondere Bedeutung: Er ist das Getränk, dass ich gelegentlich in komplettem Selbstbeschiss vorschaltete, um meinen bereits feststehenden (Be-) Trinkentschluss noch vor mir geheim zu halten (haha) und dem ganzen einen gesellschaftlich-akzeptablen, pseudo-demi-mondänen Anstrich zu verleihen, bis dann die erste Anflutung, das AngeHEITERtsein, alle Masken der Kontrolle fallen lässt und der Übergang zum gewohnten 2-Flaschen-Rotwein-Konsum zunächst nicht so weh tut, der Selbsthass und die Verzweiflung über den kurzfristig ernst gemeinten oder auch nur halb angegangenen, jedenfalls vergeblichen Abstinenzversuch noch unterdrückt. Spätestens bis zum nächsten Morgen.
Wenn ich hingegen morgens schon genau wusste, dass ich mich abends betrinken musste, dann hatte das zumindest noch irgendetwas Geradliniges. Der Sekt war immer Lüge Lüge Lüge und führte auch zu diesem schrecklichen Misstrauen mir selber gegenüber, da ich mir nicht mehr trauen konnte. Eine der, wie ich finde, gravierendsten Folgen meiner Sucht, dass ich mich in dieser Hinsicht nicht mehr auf mich verlassen konnte.

Und meine Idee war dann, dass ich so eine Flasche Sekt aus der Therme auf dem Klinikgelände verbuddel und damit ein Zeichen setze. Ein Zeichen gegen die alkoholische Vergangenheit und gleichzeitig aber auch ein Zeichen, eine schützende Magie für (m)eine alkoholfreie Zukunft.
Dann habe ich gemerkt, dass ich auf keinen Fall im Ernst eine Flasche Sekt kaufen will! Ich will das da an der Theke gar nicht aussprechen. Ich will auf keinen Fall diesen typischen Flaschenhals anfassen müssen! Das Staniol, darunter der Draht, ne, ne, ne. Nicht wieder. Sogar das Haptische will ich nicht mehr.

Ich habe das dann mit meinem Therapeuten besprochen, der das Alles für eine richtig gute idee hielt, im Ansatz, mich aber fragte, ob ich dieses Verbuddeln vielleicht auch „nur“ in der Vorstellung hinbekommen würde. Nun, da ich in Kopfkino ganz gut bin (ist `mal schön, hat aber auch Nachteile) habe ich das dann so gemacht:

Die Flasche Sekt habe ich mit Schmackes (sehr viel Schwung und Kraft) an einem hässlichen Stahlpfeiler einer ganz hässlichen und düstern Zug- und U-Bahnunterführung, wo alles voller Taubenscheiße ist und nach menschlicher Pisse stinkt, zerschmettert und die Scherben sind an den mit hässlichem Graffiti verschmierten Betonwänden langsam heruntergerutscht und die Flüssigkeit ist in Dreck und Unrat auf dem Boden langsam versickert.
Das alles hat etwa 800 Meter unter der schönen Weide der Klinik stattgefunden, der Weide auf der all die Alpacas und Lamas und Pferde ab mittags stehen und friedlich grasen und sich keine Gedanken über den morgigen Tag machen und die ich von dem bequemen Lesesessel in meinem Zimmer immer im Blick hatte.
Bitte, Magie: Wirke.

Viele Grüße,
Susanne
Liebe brulara: Ich denke heute an Dich.


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trollblume Offline




Beiträge: 3.434

13.05.2018 17:25
#259 RE: Der Vorhang zu antworten

Ich habe mir meinen zweiten Vornamen als Hauptnamen gegönnt!

Vera hat noch nie gesoffen und das möge so bleiben

Wer seinen Hafen nicht kennt,für den ist jeder Wind der falsche
(Seneca)


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newlife Offline




Beiträge: 3.779

13.05.2018 22:09
#260 RE: Der Vorhang zu antworten

Habe mich gerade an etwas erinnert beim Lesen deines Beitrags, Susanne.
Im Jahr 2009 unternahm ich den ersten Versuch, mit dem Trinken aufzuhören. Ich wurde eingeliefert und hatte nur das dabei, was ich an hatte. Ich bekam von der Klinik so ein seltsames Hemd und hatte das recht oft an während des Entzugs. Ein Arbeitskollege brachte mir dann gegen später noch weitere Klamotten.
Dieses Hemd habe ich dann in meinen Besitz übernommen. Ich sah es immer wieder in meinem Schrank und es erinnerte mich an die Entgiftung.
Ich blieb gleich auf Anhieb zweieinhalb Jahre trocken, aber immer wieder dieser verfluchte Stofffetzen.
Ich beachtete ihn dann weniger, ging wieder zur Entgiftung, aber mit gepackter Tasche. Die folgenden zwei Jahre war jedoch nix drin mit clean sein.
Als ich 2014 das letzte Mal die besagte Tasche packte, fiel mir dieser Stofffetzen wieder ein. Mit Bewusstsein war bei mir nicht mehr viel. Ich brauchte 3 Tage um die Sachen zu packen, aber dieses verfluchte Teil packte ich tatsächlich bewusst ein, nur um es an den Ort, der voller Leid und Qual ist, zurückzubringen. Danach war es dann vorbei - ich brauchte da nicht mehr hin.

on the way...


Friedi Offline



Beiträge: 2.592

13.05.2018 23:02
#261 RE: Der Vorhang zu antworten

Mir kam der Gedanke, bewusst einen symbolischen Schlusspunkt hinter die alkoholische Phase zu setzen, gar nicht. Liegt wohl daran, dass ich mir AA-gemäß sage "HEUTE trinke ich nicht". Das sage ich natürlich nicht jeden Tag in Worten, aber es steckt einfach so in mir drin.

____________________________________________________________________________________________________
Wenn du am Morgen erwachst, denke daran, was für ein köstlicher Schatz es ist, zu leben, zu atmen und sich freuen zu können.
Marc Aurel


Romy Offline



Beiträge: 53

15.05.2018 17:49
#262 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Susanne,

ich bin beeindruckt von deiner Stärke.CHAPEAU

Natürlich ist "wieder trinken" keine Option für dich- genau genommen für niemanden.
Denn du brauchst deine ganze Kraft und Energie für das Kommende!
Bewahre dir deine Stärke.

Als ich folgendes gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob die Stuation der Auslöser war oder eigentlich gar nichts damit zu tun hatte.
Und dir da einfach so dieser Gedanke kam.

Zitat von Susanne im Beitrag #258
Vier große Löschzüge, viele Feuerwehrmänner, viel Halligalli.

An diesem Abend ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass, sollte ich jemals wieder anfangen, zu trinken, es kein Ende des Elends geben wird und dass der Absturz um Welten tiefer werden würde. Ich würde es nicht ein zweites Mal schaffen, wichtige Ressourcen aufrecht zu erhalten


LG Romy


Romy Offline



Beiträge: 53

15.05.2018 18:06
#263 RE: Der Vorhang zu antworten

Mir fiel dazu auch gleich folgendes ein:

Zitat von Susanne im Beitrag #258
Und meine Idee war dann, dass ich so eine Flasche Sekt aus der Therme auf dem Klinikgelände verbuddel und damit ein Zeichen setze.


Meine Therapeutin hat mir mal erzählt, dass sie zusammen mit einer Patientin deren "Party-Hose" verbuddelt hat.
Diese Sache hat mich damals fasziniert und ich habe daraufhin überlegt, ob es auch bei mir was zu verbuddeln gibt.
Mir fiel aber nichts ein. Jetzt hast du mich daran erinnert, dass ich noch mal in mich gehe - und vielleicht doch was finde...

LG
Romy


Susanne Offline



Beiträge: 100

17.05.2018 13:54
#264 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Romy,

Du schreibst: „Natürlich ist "wieder trinken" keine Option für dich- genau genommen für niemanden. Denn du brauchst deine ganze Kraft und Energie für das Kommende!“

Jaja, natürlich. Die Stimme der Vernunft ;-)

Die Stimme der Sucht wispert: „Lass die Seele baumeln - nun kommt es da doch sowieso nicht mehr drauf an.“

Möge die bessere Stimme gewinnen ;-))

1. Jetzt aber ernsthaft inhaltlich zu Deiner Frage: Die Löschzüge und der Probealarm waren ein Anlass. Sie schufen ein Katastrophenszenarium – ohne Katastrophe.

Ich bin beruflich weit und breit die einzige Ersthelferin. Ups. Mein Name steht deutlich auf dem Alarmplan drauf. Und ich habe es noch einmal sehr stark empfunden, wieviel Glück ich gehabt habe, dass ich diese Verantwortung noch nie habe ausüben müssen. Der Unterschied, ob ich nüchtern alles in meiner Kraft stehende tun könnte, um einem Menschen zu helfen, oder ob ich, sei es durch Restalkohol, sei es durch das früher oder später unausweichliche Verschieben der Uhrzeitgrenze nicht mehr bis zum Arbeitsende ohne Alkohol aushalten könnte – selbst der geringste Zweifel an mir selbst, in einem Ernstfall alkoholbedingt „schlechte Hilfe“ geleistet zu haben, hätte mein weiteres Leben dauerhaft überschattet.

Fazit: Ein stattliches privates -meins- Katastrophenszenarium war aufgebaut – aber keine Katastrophe, kein Härchen habe ich einem anderen Menschen auch nur gekrümmt. Nochmal arg Glück gehabt.

2. Wenn sich nix zu verbuddeln oder zu tätowieren aufdrängt, ist doch gut. Wenn sich kein „Zeichen setzen“ oder „Wendemarke aufstellen“ seelisch in die Aufmerksamkeit boxt – nun, dann eben nicht.
Man hat mir erzählt, als ich acht Jahre alt gewesen sei, hätten Damen der westdeutschen Republik ihre BH verbrannt. Lustig. Aber das war ja auch eine Aus- oder besser: Ansage!
Wenn man jetzt aber nur mal so durch seinen Kleiderschrank durchginge und überlegte, was man verbuddeln oder verbrennen könne – nee, ich glaube, so funktioniert die Chose nicht ;-) Aber Probieren geht über Studieren!
Das Ganze ist aus meiner Sicht ein möglicher Baustein in der Rückfall-Verhütung.

Und was @ Friedi schreibt: "HEUTE trinke ich nicht" – dieser AA-Spruch gehört absolut mit zu meinen allerwichtigsten Bausteinen einer weiteren Abstinenz. Dieser Spruch hat mir im zweiten Halbjahr 2017 so manchen Tag und Abend und mein trockenes Genick gerettet. Auf den konnte ich mich immer zurückziehen, wenn es kurzfristig hart auf hart zu kommen schien. Der Spruch hat mir geholfen, den Trinkvorsatz den Tag über wegzudrücken und die konkrete Handlung des Kaufens und Trinkens des Abends ausfallen zu lassen. Bei mir wirkt der Spruch.

Was gar nicht geht ist „Das erste Glas stehen lassen“. Alle süchtigen Anteile jubeln laut auf bei der Imagination der Wirkung: „Das erste Glas.“
Der kleine sprachliche Appendix „stehen lassen“ wird komplett ausgeblendet und überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Wenn der Spruch in Signaturen auftaucht, kneife ich sogar vorsichtshalber die Augen ganz feste zu ;-)

Die Rückfall-Prävention war auch in der Klinik mau; an dieser Sollbruchstelle "Rückfall" meinte ich doch sehr zu merken, dass Therapeuten ohne Erlebniswissen (wie wir Abhängigen es nun einmal reichlich vorweisen können) bei diesem Thema stärker aufgeschmissen scheinen, als bei anderen Themen, wo sie unzweifelhaft hohen Wert haben können..
Einmal meinte einer während einer Gruppenveranstaltung, wir Frauen wären ja die Expertinnen für Rückfall-Prävention, nicht er und wir sollten doch mal erzählen…
Und eine Mitpatientin wies ihn dann darauf hin, dass wir alle Expertinnen in Rückfall wären, aber eben nicht in Prävention - sonst säße in dem Kreis ja nur er allein. Wie wahr.

Also, aus meiner Sicht ist Rückfall-Vorbeugung auch wieder eine super-individuelle Angelegenheit.

Viele Grüße,
Susanne


Romy Offline



Beiträge: 53

17.05.2018 17:19
#265 RE: Der Vorhang zu antworten

Hallo Susanne,

danke für deine Antwort.
Bei meinem Klinikaufenthalt gab es auch einen Feueralarm. War aber nicht zur Probe, sondern passierte durch einen Kurzschluss,wie nachher bekannt wurde.
Feuerwehr, Polizei mit allem drum und dran. Wir dachten also wirklich, dass es iwo im Gebäude brennt und es war mitten in der Nacht.
Wäre ich, wie du, beruflich weit und breit die einzige Ersthelferin gewesen, hätte ich diese Gedanken sicherlich auch gehabt. Denn das Ganze war ganz schon heavy! Werde ich nie vergessen!

Obwohl wir suchttechnisch alle in einem Boot sitzen, hat doch jeder seine individuelle Sichtweise, was Rückfall-Präventation betrifft.

z.B.

Zitat von Susanne im Beitrag #264
"HEUTE trinke ich nicht"

ist nicht meins!

Hingegen : "Das erste Glas stehen lassen" passt für MICH.

LG
Romy


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