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Saufnix
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Dieses Thema hat 8 Antworten
und wurde 1.350 mal aufgerufen
 Akute Hilfe
Jiscah Offline



Beiträge: 4

20.07.2011 13:27
RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

Hallo liebe Saufnix Gemeinde,

mein Name ist Jiscah und ich bin nun seid 11 Tagen trocken und seitdem arbeitet so einiges in mir...
Puh, das ist der allererste Foreneintrag in meinem Leben und ich bin momentan recht aufgeregt. Ich versuche zu beschreiben was mich so umtreibt ohne zuviel wegzulassen oder zu ausführlich zu werden.

Ich bin früh mit dem Alkohol in Kontakt gekommen, da ich aus einem nassen Elternhaus stamme.
Mein weiterer Werdegang ist, wie ich in den letzten Tagen (wider erwarten !) erkennen musste ziemlich typisch verlaufen. Das ist zumindest die für mich doch überraschende Erkenntnis, nachdem ich in den letzten Tagen fast den ganzen Tag in Diesem und anderen Foren und Informationsseiten gelesen habe. Ich WAR der Meinung, bei mir ist ja alles ganz anders und besonders schwierig und überhaupt...

In der Pubertät, Gesellschaftstrinken was in Erleichterungstrinken übergegangen ist (Hat ja kurzfristig gewirkt). Anschließend hat sich bei mir das „Trio Infernale“ aus (soziale) Angst, Depression und Alkohol festgesetzt und ich kann nun gar nicht mehr sagen was Ursache und Wirkung des Elends ist/war. Ich bin der Meinung gewesen, dass es mir ja sooo schlecht gehe, dass es momentan wirklich nicht von mir zu erwarten sei, ausgerechnet jetzt mit der allabendlichen Flasche Wein aufzuhören. Immer wenn sich der Umkehrschluss aufdrängen wollte (eigentlich ist mir schon viel länger klar, dass meine Trinkgewohnheiten „bedenklich“ sind) habe ich versucht diese Befürchtung ganz, ganz schnell zu verbannen.

Mein Pensum lag in den letzten 3 Jahren bei ca. eine Flasche Wein am Abend. Wobei ich Diese anfänglich halb bis dreiviertel geleert habe. Irgendwann natürlich einige Zeit ganz und als dass zum Schluss auch nicht mehr gereicht hat, bin ich pfiffigerweise von den 0,75l Flaschen auf die 1l Flaschen umgestiegen, um mir selbst sagen zu können es sei ja weiterhin nur EINE Flasche. Vor ca. zwei Wochen war es dann soweit, dass ich am Abend nach der obligatorischen Flasche Wein doch noch mal zum Büdchen gelaufen bin um zwei Flaschen Bier zu kaufen. An diesem Abend hab ich mich sehr vor mir selbst geschämt.

Muss euch ehrlicherweise gestehen, dass meine Motivation aufzuhören zunächst als Trinkpause angedacht war. Ich habe kürzlich eine Verhaltenstherapie aufgrund der Angst und der Depression begonnen und um diese auch bewilligt zu bekommen muss man ja den Konsiliarbericht vom Hausarzt einreichen. Da ich jedoch keinen Hausarzt habe (wohne noch nicht allzu lang in dieser Stadt und war zum Glück auch nie ernsthaft krank), habe ich mir eine neue Hausärztin gesucht, die den Vorschlag gemacht hat, mich demnächst mal durchzuchecken. Natürlich ist der erste Gedanke,uiuiui die Leberwerte, gewesen. Also mal lieber „schnell“ aufhören, um nicht bestätigt zu bekommen, was ich eigentlich eh schon weiß (völlig verrückt!)

Was in den letzten 11 trockenen Tagen mit mir passiert, lässt sich schwer beschreiben. Auch wenn ich „nur (!)“ abends getrunken habe, wobei dieser Abend langsam aber sicher immer früher begann, sehe ich mich seit langer Zeit mal wieder klar. Und was ich sehe, ist an Eindeutigkeit nicht wegzulügen. Ich habe hier oder irgendwo den Vergleich gelesen in der nassen Zeit unter einer Milchglasglocke gelebt zu haben. Treffender kann man es nicht sagen.
Mein ganzes Denken hat sich verändert (für Außenstehende wahrscheinlich nicht wahrnehmbar), meine Sicht auf mich und mein Lebensumfeld.

Ich habe erst im nüchternen Kopf begriffen, wie nass ich denke.

Diese Erkenntnis hat mich am vierten Tag wie ein Hammerschlag getroffen. Und seitdem arbeitet so viel in mir, dass es mich fast überwältigt (im Positiven wie im Negativen).
Stress, negative Gefühle, miese Erinnerungen,schlechtes Gewissen und mich selbst aushalten zu müssen standen mit Sicherheit nicht auf meiner Wunschliste.
Jedoch habe ich in dieser kurzen Zeit an Selbstbewusstsein (und sei es nur der Kassiererin an der Kasse freundlich in die Augen zu blicken) gewonnen. Ich fühle mich nicht mehr gefordert, wenn nach 21.00h abends noch das Telefon klingelt. Ich habe mich dabei erwischt im Bad laut und falsch zur Radiomusik mitzusingen. Ich habe nicht mehr die zwanghafte Angst, dass ich in der Wohnung irgendwas vergessen habe auszuschalten (habe deswegen in der Vergangenheit schon mehrfach die Bahn verpasst). Und noch vieles mehr...
Schon in dieser kurzen Zeit haben sich meine Depressionen und Ängste erheblich verbessert.

Mir ist klar, dass ich noch ganz, ganz am Anfang stehe und mir selbst erstmal nicht so leichtfertig über den Weg trauen sollte, da das Suchtgedächtnis vorbewusst lauert und das macht mir Angst.

Ok, eigentlich wollte ich mich nur ganz kurz halten um nicht schon im ersten Beitrag jeden potenziellen Leser mit einer wall of text abzuschrecken. Hat irgendwie nicht geklappt. Aber wenn ich jetzt versuche nachträglich zu kürzen, dann schicke ich wahrscheinlich gar nix ab.

P.S.: Ich habe hier im Forum jetzt schon oft und nur mit geringfügigen Abweichungen „meine“ Geschichte lesen dürfen, dass es mich erschreckt hat wie „klassisch“ mein Suchtverlauf doch ist, und dass es sich tatsächlich um einen solchen handelt. Ich hoffe das nimmt mir niemand, der sich davon angesprochen fühlt übel, ich weiß natürlich dass Sucht auch immer was Individuelles ist. Jedoch sind mir die gemeinsamen Muster jetzt erst klar geworden.

So jetzt aber schnell abschicken..
Jiscah


Ruby Offline



Beiträge: 2.696

20.07.2011 14:07
#2 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

jiscah,
und im Forum.

Gratuliere dir zu 11 Tagen und wollte nur mal fragen, was du dir vorgenommen hast zu tun?
Ist es das erste Mal dass du einige Tage nichts mehr trinkst?
Willst du dir Hilfe holen ausserhalb des Forums damit es nicht nur eine Trinkpause bleibt?
lg Ruby

es sind die kleinen Dinge im Leben...


trollblume Offline




Beiträge: 3.423

20.07.2011 14:34
#3 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

jiscah herzlich

und superdie idee nicht mehr zu trinken.

jetzt gehts "nur"noch darum, wie du deine idee auch im realen leben so beibehalten kannst.

wie es hier gelingt (oder auch nicht:augen,da kannst du ja auf ne menge an erfahrungen zugreifen und dir DEINEN königsweg raussuchen

auf einen interessanten austausch



gruß vera

[ Editiert von trollblume am 20.07.11 14:36 ]

Wer seinen Hafen nicht kennt,für den ist jeder Wind der falsche
(Seneca)


Jiscah Offline



Beiträge: 4

20.07.2011 14:46
#4 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

Hallo Ruby,

lieben Dank für Deine Antwort!
Ich weiß, dass ich nun bei der neuen Hauärztin die Karten auf den Tisch legen muss und einen Termin für einen Rundumcheck mache. Habe auch schon die Adresse der Suchtberatung rausgesucht und die Informationen wo und wann sich Selbsthilfegruppen im Umkreis treffen. Außerdem muss ich einige Dinge nacharbeiten, die ich in den letzten Monaten hab schleifen lassen. Ich befinde mich immer noch im Studium und dass dieses Semester alles andere als erfolgreich war, muss ich nicht betonen.
Ich arbeite neben dem Studium am WE in einer Discothek und bin in den letzten Tagen fieberhaft auf der Suche nach einem anderen Job, da dieses Umfeld mir nicht gut tut. Es trinken dort wirklich alle (das war ganz schön praktisch *ironie*)
Auch wenn ich eher dem Typ der "Schlafzimmertrinkerin" entspreche/entsprochen habe, will ich weg von Alkohol in meinem Alltag.
Ich muss auch in der Therapie offen sein, hab nur Angst dann weggeschickt zu werden, da ich ja Hilfe wegen meinen sozialen Ängsten gesucht habe...

Das ist das erste mal, dass ich bewusst den Alkohol weglasse (das klingt komisch, weiß nicht wie ich es sonst formulieren soll). Es gab in dieser Zeit immer wieder (zum Schluss seltener) einige Tage an denen ich nicht getrunken habe. Aber dann eher aus einer sozialen Kontrolle heraus. Einige meiner engsten Freunde sind dem Alkohol wenig zugetan, obwohl sie nie ein Problem damit hatten. Wenn ich Zeit mit ihnen verbracht, auch verlängerte Wochenenden, ist einfach niemand auf die Idee gekommen Alk zu ordern und ich wollte mir nicht die Blöße geben damit anzufangen. Hauptsache das Problem vertuschen
Leider habe ich den Kontakt zu diesen Leuten etwas schleifen lassen, weil sie mir zu überdeutlich vor Augen geführt haben, dass mein Verhältnis zum Alkohol gestört ist.


Lieben Gruß
Jiscah


Jiscah Offline



Beiträge: 4

20.07.2011 14:58
#5 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

Hallo Vera,

auch Dir vielen Dank für das herzliche Willkommen.
Ich habe auch Angst vor mir selbst, zumal mir bewusst geworden ist wie verdreht ich in bestimmten Situationen denke/gedacht habe. Es ist bitter zu erkennen, dass ich meinen eigenen Urteilsvermögen nicht so trauen kann wie ich es gerne würde, weil die Sucht vielleicht daraus spricht. Ich muss das alles erstmal neu ordnen und bewerten.
Nichts desto trotz (schreibt man das so?) fühle ich nun besser als in dem ganzen letzten Jahr. Mehr bei mir...

LG
Jiscah


Mary61 Offline




Beiträge: 6.128

20.07.2011 15:23
#6 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

hallo und willkommen jiscah

gratulation zu deinen ersten 11 trockenen tagen!
ich wünsche dir das daraus 11 wochen - monate - jahre usw werden

für deinen ersten forenbeitrag überhaubt
schreibst du schon wie ein alter hase
und ich freu mich auf regen austausch mit dir

du hast recht,
die geschichten und werdegänge gleichen sich
und sind doch ganz verschieden.
oft erkennt man sich in anderen geschichten wieder
und dieser spiegel hilft zu verstehen.

lg, mary

--------------------------------------------------------------------------------------------------- "Begehe nicht den Fehler, nicht zwischen Persönlichkeit und Verhalten zu unterscheiden.
Meine Persönlichkeit ist wer oder was ich bin.....
..... Mein Verhalten hängt davon ab wer du bist."


Jiscah Offline



Beiträge: 4

20.07.2011 15:44
#7 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

Hallo mary,
Lieben Dank!
In gewisserweise bin ich auch ein alter Hase, da ich mit alkoholkranken Eltern aufgewachsen bin und mich dieses Thema also schon ein Leben lang verfolgt.
Aaaber zwischen theoretischen Wissen und dem Gefühl in den Spiegel zu blicken und sich selbst ins Gesicht zu sagen: "Du bist Suchtkrank!" Und das nicht nur zu sagen, sondern auch zu fühlen... Ja, dass hat schon eine ganz andere Qualität.
Ich frage mich gerade jetzt ob ich Ihnen nicht in Gedanken oft unrecht getan habe.


"Dieser Spiegel hilft zu verstehen"
(muss noch zitieren üben)
Ich finde es gleichermaßen erschütternd wie auch tröstlich nicht ganz allein so "verrückt" zu sein. Erschütternd, weil ich niemanden wünsche mit solchen Problemen zu kämpfen zu haben (auch mir nicht! ) aber auch tröstlich, weil ich mich in meinem vermeintlichen Elend nicht ganz so einsam fühle
Und Erkenntnisgewinn, wenn andere bei der gleichen Argumentation die man auch versucht hätte, gegen logische Wände laufen.

Besten Gruß
Jiscah


Maja82 Offline




Beiträge: 5.091

23.07.2011 12:53
#8 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

Hallo Jiscah,

herzlich Willkommen bei uns.

Du bist mal so ein Spiegelbild von mir echt heftig.

Wünsche dir ganz viel Kraft und eine gute Therapie

Liebe Grüße Maja


Gret Offline



Beiträge: 21

10.08.2011 20:00
#9 RE: Bin nun klar und doch durcheinander... antworten

Hallo Jiscah,
jetzt sind inwzischen weitere Tage vergangen und ich hoffe aus deinen 11 sind noch mehr geworden.

Du hast für dein Alter eine erstaunliche Selbstreflexion.
Das ist ein guter Ansatz, um mit dem Thema Alkohol und die da raus oft entstehende Hinterhältigkeit der Suchtkrankheit
zu erkennen.

Deine Zeilen haben einen hohen Wiedererkennungswert!

Ich wünsche dir sehr, dass du diese Chance nutzt. Dein Leben kann Ohne noch viel schöner werden.

Liebe Grüße

Gret


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