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Saufnix
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Dieses Thema hat 16 Antworten
und wurde 1.749 mal aufgerufen
 Deine eigene Alkoholkarriere
Seiten 1 | 2
schwierig Offline



Beiträge: 7

09.03.2006 21:16
RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Hallo ihr Lieben,
nach langer Zeit des stillen Mitlesens, stillen Mitleidens, stillen Aha-Gefühlen möchte ich mich kurz vorstellen:

Ich heisse Eva, eigentlich Eva Maria. Bin 35 Jahre alt und ich glaube, dass vor ca. 20 Jahren meine "Alkoholkarriere" (komischer Ausdruck) begonnen hat. Ich selbst bezeichne mich als Suchtpersönlichkeit, sprich Alkoholsucht, Nikotinsucht (Start mit ca. 12 Jahren), Fernsehsucht, Liebessucht (Suche nach Liebe nach "Angenommen werden").

Schon lange weiß ich, dass ich alkoholkrank bin, die Zeichen sind und waren eindeutig. Aber wie bei so vielen, ist die klare Einsicht zwar da, aber das reicht nicht. Heute habe ich in einer Vorabensendung im Deutschen TV gesehen, dass einer der Hauptdarsteller (Lehrer) wieder einen Rückfall hatte. Ein Mitbewohner hat erkannt, dass Hilfe (sprich: Dem Kranken die Wege zu planieren, ihn aufzufangen) dass genaue Gegenteil bewirkt. Solange der persönliche Verlust der Ehre, des Respekts vor sich, etc. noch nicht gänzlich verloren ist, gibt es nichts, was den geraden Weg der Alkoholkrankheit aufhalten kann. Wenn ich nüchtern in die Arbeit mit dem Bus fahre und 2 offensichtlich vom Alkohl zerstörte junge Menschen einsteigen, die danach riechen und sich auch so verhalten (lautes Gerede, aufgesetzte Fröhlichkeit, offensichtlich hat der Alkohol schon auf das Aussehen und das soziale Verhalten gewirkt), wird mir übel, übel davon,dass ich nicht anders bin. In diesem Moment. Aber in so vielen Momenten meines Lebens war ich wesentlich "ekelhafter" als diese beiden Menschen. Man vergisst zu schnell (besonders in Zeiten der selbstauferlegten Trockenheit), dass man selbst wahrlich ein Kotzprocken ist, im Suff.

So, genug der Schreiberei, bin kein versierter Forumschreiber.
Wenn Fragen da sind, bitte gerne, immer, jederzeit. Möchte helfen, klingt dumm, ist aber die Wahrheit. Sollte diese Zeilen jeman still lesen, nur Mut, ich hab mich auch getraut.

Liebe Grüße

Eva aus dem tief verschneiten IBK

PS: Habe schon als Kleinkind die Liebe zu den Tieren verspürt, sie waren schon damals die warmen Wesen in meiner komischen Einsamkeit. Meine Mutter ist immer vor Angst erstarrt, wenn ich mit jedem Hund oder Pferd oder streundendem Katzentier freundschaftlichen Kontakt aufgenommen habe.

[ Editiert von schwierig am 09.03.06 21:29 ]


Fenchelchen Offline




Beiträge: 198

09.03.2006 21:34
#2 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Hallo Eva

Jaja..den Marienhof habe ich auch gesehen Da ist alles fast wie im richtigen Leben, nicht wahr? *hust*

Fühl Dich trotzdem nach der langen, stillen Mitlese- und Leiderei herzlich begrüßt auf diesem Board.

Wobei möchtest Du denn helfen? Beim "Leute-trocken-legen"?

Viele Grüße

Fenchelchen


schwierig Offline



Beiträge: 7

09.03.2006 21:52
#3 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Hallöchen,
klingt in deinen Augen sicherlich eigenartig, bis zu: Von der eigenen Sucht ablenkend. Nein, ich möchte denen Mut machen, die bis jetzt auch stille mitgelesen haben. Hier habe ich mich oft selbst erkannt, habe Stunden gelesen, es ist ein erster Schritt, aus der "Annonymität des Alkoholikerdaseins"(in welcher Art auch immer) herauszutreten.

LG
Eva
Danke für die Begrüssung


Greenery Offline




Beiträge: 5.854

09.03.2006 22:04
#4 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Zitat
Gepostet von schwierig
Schon lange weiß ich, dass ich alkoholkrank bin, die Zeichen sind und waren eindeutig. Aber wie bei so vielen, ist die klare Einsicht zwar da, aber das reicht nicht.



Huhu Eva

Welcome aboard und: Was würde dir denn reichen?


grufti Offline




Beiträge: 3.482

09.03.2006 22:06
#5 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Hallo Eva,

auch von mir ein herzliches Willkommen hier im Forum!

Ich kann das gut nachvollziehen, mir ist das erste Post auch verdammt schwer gefallen, habe es aber nie bereut und auch festgestellt, dass das Schreiben sehr schnell einfacher wird und auch viel Spaß macht.

Es tut einfach gut zu wissen, dass es so vielen anderen Leuten genauso beschissen geht mit dem Alkohol wie einem selbst.

Ich freu mich auf viele Beiträge von dir...


schwierig Offline



Beiträge: 7

09.03.2006 22:10
#6 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

hallo seneca,
lese ich da etwa Zynismus, oder ist deine Frage erst gemeint?

hallo grufti,
danke für die nette Begrüßung.


Greenery Offline




Beiträge: 5.854

09.03.2006 22:15
#7 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Die Frage ist ernst gemeint.


schwierig Offline



Beiträge: 7

09.03.2006 22:33
#8 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

hallo seneca,
es gibt sehr viele Bücher über Alkohol, seine Folgen, ja- auch Erfahrungsberichte. Ein Buch ist in Romanform geschrieben, sie selbst ist nach den USA ausgewandert. Eine Perfektionistin, bis sie draufkam, dass ihr Körper 1 Flasche Wodka nicht mehr erträgt, er brauchte 2. Ihre Mutter erkrankte an Krebs, sie war wohl der wichigste Mensch im Leben der Autorin. Die Mutter starb, die Autorin kam drauf, dass sexuelle Gewalt im Kindesalter ihre Sucht auslöste. Ein gutes Buch, finde ich, sie hat sich am Schluss bei der Betty Ford Klinik bedankt, es war dort so schlimmm für sie , dass sie dort nie mehr wieder hin will.
Aber es gibt ein Buch, in dem wird nicht geschrieben vom Saufen. Es heisst "Wassermelone". Die Autorin outet sich am Schluss in privaten Worten als Alkoholikerin, das hat mich sehr betroffen!
Ich habe schon relativ viele Stationen des Untergangs, des privaten Selbstverlusts gelebt. "Lächerliche Dinge" wie Gedächtnisverlust, Anzeige wegen Beissens eines Menschens, der mich ins Taxi gehieft hat, bis zu tiefsten Depressionen mit reinem Funktionieren im Alltag - Flucht in die Einsamkeit.
Ich weiss nicht, was noch kommen muss, aber eines ist ganz klar: Keiner ist zu intelligent, um nicht dem Alkoholismus zu verfallen. Das ist ein ein böser Trugschluss, zu glauben, dass "das" einem selbst nicht passieren kann.
Was müsste kommen? - der gesamte Zusammenbruch, seelisch, körperlich, keine Kraft mehr zu haben für die dir anvertrauten Lebewesen, für dich selbst.


Ruby Offline



Beiträge: 2.696

09.03.2006 22:44
#9 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

moin schwierig,

erstmal willkommen als Schreiberin.
Das Buch von dem du schreibst ist von der Hellmann, das hat sie nach ihrem Bestseller "zwei Frauen" geschrieben, hat mir auch gefallen. Aber auch das ist eine Geschichte von tausenden oft nicht aufgeschriebenen...
Ich war an dem Punkt, dass ich mich selber verloren hätte...ich hatte Angst vor dem Alkohol und die Angst vor ihm war größer als die ohne ihn leben zu müssen.

Wir alle haben unsere eigenen persönlichen Tiefpunkte. Nicht vergleichbar und vorhersehbar.

Wünsche dir viel Kraft.

Gruß
Ruby


Greenery Offline




Beiträge: 5.854

09.03.2006 22:50
#10 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Zitat
Gepostet von schwierig
Was müsste kommen? - der gesamte Zusammenbruch, seelisch, körperlich, keine Kraft mehr zu haben für die dir anvertrauten Lebewesen, für dich selbst.



Die Grenze für den Zusammenbruch, so, wie du ihn da gerade für dich beschrieben hast, setzt DU. Leider ist es bei unserer Krankheit jedoch so, dass gelegentlich noch nicht mal das ausreicht, beim Betroffenen ein Umdenken zu bewirken.

Das Verhalten (also eben auch das 'Warten' auf den Zusammenbruch) hat einen Namen. Es heißt Sucht. Wenn man WILL, gibt es viele Hilfen auf dem Weg. Ich wünsche dir die Kraft für einen Ausstieg, bevor es zu spät ist.

LGs


schwierig Offline



Beiträge: 7

09.03.2006 22:55
#11 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

hallo ruby,

jedes Leben ist das, was es ist.
Heute hab ich mich getraut, danke fürs Zulsesen und Antworten.
Bis bald
Eva


Fenchelchen Offline




Beiträge: 198

09.03.2006 22:56
#12 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Zitat
Gepostet von schwierig
[ Nein, ich möchte denen Mut machen, die bis jetzt auch stille mitgelesen haben. Hier habe ich mich oft selbst erkannt, habe Stunden gelesen, es ist ein erster Schritt, aus der "Annonymität des Alkoholikerdaseins"(in welcher Art auch immer) herauszutreten.




Hallo schwierig

Das kennen vermutlich die meisten hier...dieses stunden- und tagelange mitlesen und auch mir hat es (das Posten der anderen Saufnixe/n) Mut gemacht, mich zum ersten Mal als Alkoholikerin zu outen.
Naja, aber anonym ist es hier im www dennoch und es ist nicht damit getan, hier zu schreiben. Aber Du sagst ja selbst: es ist ein erster Schritt!
Und wenn viele diese ersten Schritte gehen ist das doch schonmal was.

Viele Grüße

Fenchelchen


Randolf Offline




Beiträge: 989

10.03.2006 07:57
#13 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Moin schwierig,

es ist in der Tat schwierig bzw. unmöglich, vorherzusehen WANN der Punkt der Umkehr kommt.Ich habe hier schon Beiträge gelesen, wo Menschen ein echt erbärmliches und schier unerträgliches Dasein schildern und dennoch nicht die Finger von der Pulle lassen können.
Ich selbst bin abgesprungen, als die Talfahrt so richtig an Tempo zulegte (so hab ich's empfunden) - bewusst war ich mir des Probs aber schon zehn Jahre.
Vielleicht taugt diese Beschreiung was:
Bislang hast du dich mit deinem Feind zwar angelegt, aber das Kräfteverhältnis war so, dass kein dauerhaftes Ergebnis (=Trockenheit) zustandekam.Es kann aber sein, dass eine dritte Kraft von aussen (z.B.dieses Board)dir jenen Anstoss gibt, den du aus eigener Kraft nicht erzeugen kannst.Kurz: Hilfe von aussen.
Hier zu lesen, schreiben,reflektieren kann dir sehr viele Mechanismen der Sucht bewusst machen.Viele Prozesse sind derart, dass sie nur im Dunkeln stattfinden können.

Über viele Jahre hatte ich mich nach einem nüchternen Leben gesehnt.Nu isses da - und es ist grossartig, ich wünsche dir dasselbe.

LG,Randolf


minitiger2 ( gelöscht )
Beiträge:

10.03.2006 09:08
#14 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Zitat
Gepostet von schwierig
Was müsste kommen? - der gesamte Zusammenbruch, seelisch, körperlich, keine Kraft mehr zu haben für die dir anvertrauten Lebewesen, für dich selbst.



brauchst Du das, willst Du das, oder warum glaubst Du daß es soweit kommen muss?

Oder ist Deine Sucht so stark, daß Du erst aufhören wirst wenn Du keine Kraft mehr hast, das Glas zu halten


felidaela Offline




Beiträge: 796

11.03.2006 09:24
#15 RE: na ja, ich probiere, mich vorzustellen antworten

Hallo Eva ,


ich habe mich auch immer gefragt, was wohl kommen muss, damit ich aufhören kann. Denn die Einsicht war lange schon da, das Problem längst erkannt.

Bei mir waren es nicht großartig äußere Veränderungen, wie Führerschein, Job und Familie verlieren. Ich hatte ein inneres "Unten" erreicht. Irgendwann, besoffen, stellte ich fest, dass ich immer noch was spüre, dass dieses Elend immer noch nicht weg ist, die Angst da ist, sich nichts verändert hat, keine Besserung, nicht mal mehr im bedröhnten Zustand.

Mir war schon schlecht vom Alk, konnte nicht mehr trinken und hatte am nächsten Tag (Sonntag) auch noch Frühdienst, so dass ich nicht wirklich loslassen konnte, denn einfach nicht arbeiten gehen fiel aus. Woher sollte ich Ersatz für mich bekommen, am WE (es war ja mitten in der Nacht)? Krankschreiben ging auch nicht und die Sendung (arbeite beim Rundfunk) hätte nicht ohne mich beginnen können.

Da saß ich, leer, und doch verzweifelt. Der Alk half nicht mehr, denn ich war zu stark, traute mich nicht, aufzugeben, denn das wäre der Moment gewesen, es zu tun. Hätte ich es getan (und dann morgens an der S-Bahn war ich fast so weit, mich vor die Bahn zu werfen), hätte das sehr viel nach sich gezogen, so viel, dass ich es nicht ertragen hätte. Also blieb nur, ganz "ausschalten" oder weiter machen.

Ich funktionierte, stieg in die Bahn, kam zum Sender, zu spät zwar, aber immerhin. Hatte bestimmt eine irre Fahne, machte meine Handschläge, die zu tun waren, wurde langsam nüchtern, fühlte Halt unter den Menschen. Erkannte, so schlimm ist das Leben nicht, oder so.

Ein WE später war ich Bowlen. Trank die ganze Zeit nichts. Wir gingen dann noch essen. Ich war sehr unruhig, bestellte dann doch Wein, und noch ein Glas. Wir gingen nach Hause. Auf dem Weg spürte ich, dass ich mehr wollte, fragte mich jedoch, was denn kommen sollte. Wie viel ich trinken müsste, sah mich wieder da hängen, trinken und wozu?

Ich trank nichts mehr an dem Abend und seit dem nie wieder. Mir ist klar geworden, der Alk hilft mir nicht. Ein Wenig zu trinken macht Lust auf mehr, aber wo führt dieses Mehr hin? Ins Nichts. Keine Rettung. Ich hatte es erlebt. Es führt in den Selbstmord und was wird mit meinem Sohn?

Mein Verantwortungsgefühl war zu groß, ich konnte mich nicht fallen lassen, ich funktionierte, ohne dass ich eigentlich noch wollte.

So war das bei mir. Jeder ist aber anders gestrickt. Der Eine lässt eben los, der Nächste kehrt schon eher um und der Dritte schafft es mit dem Willen. Dem reicht das Wissen, dass es schlimmer werden kann. Das hat mir nicht gereicht, ich musste erst da runter. Deswegen wird von PERSÖNLICHEM Tiefpunkt gesprochen, jeder hat den woanders, viele erreichen ihn erst, wenn sie in der Kiste liegen.

Deswegen kann dir niemand die Frage beantworten, was wohl noch kommen muss, damit du aufhören kannst. Dein Weg wird sich zeigen, und ich hoffe für dich, dass es nicht gar zu weit runter geht.



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