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Saufnix
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Dieses Thema hat 9 Antworten
und wurde 801 mal aufgerufen
 Akute Hilfe
Joy ( gelöscht )
Beiträge:

25.10.2004 21:25
RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Jetzt hab ich es kapiert, weil ich heute diese Seite gefunden und viel gelesen habe.

Es geht mir NICHT schlecht, weil ...
ich zur Zeit keinen Job habe ...
meine Wohnung ungemütlich ist ...
meine Beziehung schwierig ist ...
meine Kindheit schwierig war ...

Es geht mir schlecht, weil ich ZU VIEL SAUFE.

Paar Fakten (mein Selbstbetrug dahinter in Klammern):

ich hab in letzter Zeit Spider-Nävi bekommen (hab halt ein schlechtes Bindegewebe, zu viel Sonne...)
ich schlafe schlecht (ist halt mal wieder Vollmond, hab halt Sorgen ...)
ich vernachlässige meine Ernährung (aber ich ess doch Obst)
ich werde menschenscheu (aber mein Leben ist doch so schwierig gerade, kein Wunder)
ich trinke jeden zweiten Tag bis zu fünf Flaschen Bier (aber nicht jeden Tag)
ich kenne das "unwiderstehliche Verlangen weiterzutrinken" (aber wenn ich Auto fahren muss, tu ich das ja nicht, dann trink ich ja nur ein Glas)
ich trinke seit Jahren regelmäßig und es wird mehr (aber ich trink doch auch mal ein, zwei Woche nix)
wenn mir Gäste Wein mitbringen, wird der vernichtet, sobald die Gäste gegangen sind (war doch so ein schöner Abend, den lass ich noch ausklingen)
ich kauf mir an der Tankstelle mein Bier, auch wenn ich mir vorgenommen habe, das nicht zu tun (aber ab morgen mach ich das nicht mehr)
auf Parties wird's gnadenlos (aber ist doch eine Party)
ich habe Schuldgefühle, weil ich zu viel trinke (morgen werde ich mein Leben schon ändern, nur noch nicht heute)

Vorhin bin ich mit dem Auto weggefahren und wollte eigentlich ganz woanders hin, und find mich an der Tankstelle wieder, wo ich mir immer mein Bier hole. Automatisch abgebogen, dabei wollte ich gar kein Bier.

Ich will überhaupt kein Bier mehr jetzt. Ich weiß aber nicht, ob das mit dem Wollen allein noch reicht.
Hab mir jetzt versprochen eine Alkpause zu machen, und wenn ich das nicht mindestens vier Wochen schaffe, geh ich zum Arzt und zur Suchtberatung.
Und wenn ich das schaffe, aber Probleme damit habe, geh ich auch zum Arzt und zur Suchtberatung.

Bin gespannt und furchtbar ängstlich.

Danke für's Lesen, vielleicht schreibt mir wer, wär ganz toll.

Eine schockierte Joy


Bernd48 Offline




Beiträge: 979

25.10.2004 21:52
#2 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Joy

Was Du da aufgeschrieben hast, liest sich doch sehr ehrlich.
Ein guter Anfang, finde ich.

Und bleib einfach hier und mach mit, Du kannst Dir kaum vorstellen, wie das helfen kann.

Das schreibt einer, der es allein nicht schafft und am 08.11. zu seiner zweiten Langzeittherapie fährt.

Nur nicht unterkriegen lassen und die Hilfe der vielen klasse Menschen hier annehmen.


Joy ( gelöscht )
Beiträge:

25.10.2004 21:53
#3 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

jetzt hab ich mir selber nochmal durchgelesen, was ich gerade geschrieben habe. Oh je, das kann ja ziemlich missverstanden werden. Damit es das nicht tut: ich meinte nicht, dass mich das, was ich gelesen habe, schockiert hat, sondern wie sehr ich mich in vielem wiederfinde.
Tut mir leid, falls das falsch rübergekommen ist.
Eure Texte haben mir die Augen über mich geöffnet. Vielen Dank dafür.


Joy ( gelöscht )
Beiträge:

25.10.2004 22:08
#4 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Bernd, vielen Dank für deine schnelle Antwort. Ja, beim Stöbern hier hatte ich auch das Gefühl, hier sind sehr nette und verständnisvolle Menschen. Sonst hätte ich mich wohl gar nicht getraut, zu schreiben.

Muss jetzt nur aufpassen, dass ich mich nicht wieder in mein eigenes Lügennetz hineinfallen lasse. Es hat bisher ganz gut gehalten, aber soeben ist es gerissen und ich bin am Boden aufgeknallt.

Irgendwie hab ich gerade das Gefühl, ich bin an dem Punkt, wo ich saufe, damit ich vergesse, dass ich saufe.

Dir schon mal alles Gute und viel Kraft für die Langzeittherapie. Mein Vater war Alkoholiker (und ich hab nix draus gelernt, was?) und ich habe daher ganz gut mitgekriegt, was für ein schwerer Kampf und was für eine Qual das ist, wenn das himmlische Teufelszeug die Kontrolle übernimmt. Und erst recht, wenn man die Kontrolle zurückhaben will.

Erzähl doch mal, wenn du magst, wie und wann du gemerkt hast, dass du ein Alkoholproblem hast.

Liebe Grüße von Joy, die gerade Kräutertee trinkt


Bernd48 Offline




Beiträge: 979

25.10.2004 22:16
#5 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Joy

Hier gibt es den Lesestoff:

Deine eigene "Alkoholkarriere" > Lebens- und Suchtanalyse

Das sollte erst einmal reichen...


Randolf Offline



Beiträge: 981

26.10.2004 00:07
#6 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Joy,

tja, ich habe auch keinen Job...
hatte auch keine einfache Kindheit...
und meine Ehe läuft auch nicht so rund,grade heute abend (sic)
und gesoffen habe ich auch nicht grad wenig.

Die Sucht ist ein blinder Trieb, der stur in eine Richtung läuft, ob mit oder ohne Einverständnis.

Dein Vorhaben, vier Wochen nichts zu trinken ist sehr gut, denn es ist die Chance, etwas rauszufinden.Warum trinkt man ? Was will man nicht sehen, ertragen ?
Bei mir hatte es sicher was mit der Sinn-Suche zu tun und auch mit dem Verdecken von Defiziten.Ich dachte immer, wenn ich nicht mal Bier trinken 'darf', hätte ich gar nichts vom Leben.Tatsächlich aber hatte ich noch weniger als das, ich führte ein Schein-Leben, wo ich von wirklichen Dingen geträumt habe.Ich wollte mittels Alkohol die Nähe zu Menschen und geriet in immer tiefere Isolation.Zuletzt habe ich von einem Leben wie ich es mir ersehnte bloß noch geträumt wenn ich trank.

Was ich dir vorschlagen möchte ist, daß du in den nächsten Wochen eine gründliche, aber von Selbstvorwürfen freie Inventur machst; frage dich, was du dir vom Leben erwartest, was du gerne verwirklichen möchtest - für DICH alleine,dein Lebensentwurf !
Wichtig dabei ist, daß du dich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden gibst, die dir in den Sinn kommen oder damit, was andere (auch noch so weise)Menschen gesagt haben (dies vielleicht später). Wenn anstelle von Antworten noch weitere FRAGEN auftauchen ist es sogar noch besser.Oft erwartet man bloß eine schnelle Lösung anstatt weiter einzudringen.Wenn man mal untersucht, wie man reagiert, wie man empfindet, wonach man sich sehnt, kann man vieles lernen.

Wie du vom Alkohol technisch gesehen loskommst (Entgiftung, Therapie usw) ist EINE Sache.Was dannach wichtig wird, ist WARUM du trocken sein willst. Wenn du das nicht weisst, wird es keinen langen Bestand haben.

Aber nicht falsch verstehen:dies muß nicht alles im Vorfeld geklärt sein. Man wächst da hinein, indem man daran arbeitet.Es geht um nichts geringeres als DICH SELBST.

Viel Glück

Randolf


helena R ( gelöscht )
Beiträge:

26.10.2004 09:00
#7 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Joy,

auch von mir herzlich willkommen hier!!


Du hast ja schon einiges erkannt, Du hast Dir auch schon einen Plan gemacht, wie es weitergehen kann/ soll.


Lies viel hier am Board, vor allem auch in den älteren Texten, es werden Dir verschiedene lichter angehen und Groschen fallen.



Aber Robert hat Recht: Das geht alles nicht von heute auf morgen, es braucht Zeit!

LG helena


Joy ( gelöscht )
Beiträge:

26.10.2004 12:50
#8 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Randolf, hallo Helena, gestern war ich ganz nervös, als ich geschaut habe, ob mir jemand geantwortet hat (was werden die wohl sagen???). Weil es inzwischen zu viele Phasen gegeben hat, in denen ich mir selber nicht mehr so gerne in die Augen schauen wollte. Und anderen auch nicht. Aber ich habe so nette Antworten bekommen, und jetzt kann ich mir (und euch hier, sozusagen virtuell) auch wieder in die Augen sehen, weil ich endlich zugeben konnte, dass mein Leben nicht in Ordnung ist, dass mein Alkoholkonsum nicht in Ordnung ist, dass ich dringend was ändern muss.
Randolf, das mit dem Schein-Leben kenne ich auch. In einem Buch habe ich mal was vom "als-ob-Ich" gelesen, das ersatzhalber für das eigene Ich entsteht, wenn man mit den eigenen Gefühlen nicht in Kontakt ist und gar nicht genau weiß, wer man ist und was man "in echt" eigentlich fühlt, wenn man was fühlt. Und Suchtmittel, vermutlich alle, sind da sehr verführerisch, weil man mit ihnen so wunderbar Gefühle erzeugen und verdrängen und manipulieren kann. Mit Zigaretten mach ich das seit 17 Jahren, leider bin ich total nikotinsüchtig, habe schon viele Versuche hinter mir, aufzuhören, aber keiner hat länger als ein paar Monate gehalten.
Trotzdem weiß ich: es war so befreiend, wenn ich's mal geschafft hatte. Nicht rauchen zu müssen. Die eigenen Gefühle unverqualmt und ungefiltert zu erleben. Und siehe da: sie sind ja gar nicht schlimm. Sie sind nur intensiver, echter. Und manchmal ganz anders als ich dachte.
Interessanterweise trinke ich auch viel weniger Alkohol, wenn ich nicht rauche. Die fatale Kombi, die kennen wohl viele. Mit Kippen und Alk mal schnell ein paar Glücksgefühle erzeugen, wenn ich sonst keine finden kann. Scheint ja so einfach. Ich muss nicht mal was dafür tun, ich kann's einfach kaufen. Bloß sind es eben falsche und künstliche Glücksgefühle, und der Preis, den ich zahle, wird immer höher und inzwischen zahle ich mit meiner körperlichen und seelischen Gesundheit und wenn ich jetzt nicht mal umlerne, irgendwann mit dem eigenen Leben.
Bisher habe ich den Fehler gemacht und an meinen Rauchgewohnheiten gearbeitet. Dachte, wenn ich mir - irgendwann, bloss noch nicht heute - das Rauchen abgewöhne, wird sich das mit dem Alk von selber erledigen. Denkste. Wieder Selbstbetrug. Ich muss es umgekehrt machen. Ich will erstmal nix mehr trinken, es geht so sehr auf meine Nerven und meine Psyche inzwischen, dass ich dann erst recht rauche, und dann brauche ich wieder mehr Bier, um mich zu beruhigen, weil mich die Raucherei so nervös macht. Erstmal der Alkohol, und wenn ich auf den verzichten kann, kann ich mir die Zigaretten vornehmen.
Meine Suchtstrukturen aufdröseln und auflösen, darum geht's mir jetzt erstmal. Und diesmal meine ich es ernst. Bisher war es immer nur so ein Geplänkel mit tausend Hintertürchen und Ausflüchten im Kopf. Aber so kann's nicht weitergehen. Und ich glaube, nur wenn ich meinen Süchten ausgiebig und langfristig und nicht nur immer mal wieder für ein paar Momente ins Gesicht sehe und sie frage, warum seid ihr da, kann ich rausfinden, was mir eigentlich fehlt und was sie ersetzen sollen. Ist ein langer Weg, da habt ihr ganz recht. Schön, dass es hier so viele Leute gibt, die auch auf ihrem langen Weg sind und darüber schreiben.

Ich lese gerade "sich das Leben nehmen" von Jürgen Heckel. Kennt ihr's?

So, jetzt hab ich euch ganz schön zugetextet. Aber Schreiben ist so gut, um Klarheit zu gewinnen.
Liebe Grüße
Joy


Joy ( gelöscht )
Beiträge:

26.10.2004 12:59
#9 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Bernd, habe erstmal dein Gedicht gelesen und finde es fantastisch. Musste ein paar Mal laut lachen, denn das Thema ist zwar ein ernstes, aber der Sprachwitz, der ist kolossal. Und die Reime auch. Da sind Lyrikbände auf dem Markt mit Gedichten drin, die an deins nicht rankommen.
Deine anderen Texte werd ich mir mal der Reihe nach vornehmen.
Viele Grüße
Joy


Bernd48 Offline




Beiträge: 979

26.10.2004 14:21
#10 RE: Lügen, Wahrheit, Scham und Schock (heilsam) antworten

Hallo Joy

Danke für die Blumen.
Du hast das schon richtig interpretiert.

Im Weiteren kommt es dann schon dicker...


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